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  • Gary – die Geburtsstadt von Michael Jackson

    Ueli Meier

    Fotos von Michaels Geburtshaus, seiner Schule und der Stadt; Michael-Fan Jennifer berichtet von ihren Eindrücken, als sie Gary besucht hatte.

    17. April 2012: Heute leben in der durch die Stahlindustrie schnell gewachsenen Stadt nur noch halb so viele Einwohner wie Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Kriminalitätsrate ist erschreckend hoch. Freddie Gibbs ist einer, der ohne Job-Aussicht, eine Karriere als Gangster anstrebte. Nun kam die Wende: Gibbs steht am Anfang einer Rap-Karriere.

    Das Zuhause für die Stahlarbeiter
    Gary wurde im Jahr 1906 als Zuhause für die neue Stahlfabrik von der „United States Steel Corporation“ gegründet. Den Namen erhielt die Arbeiterstadt vom bekannten Richter und damaligen Vorstandsvorsitzenden von US Steel, Elbert H. Gary. Bis heute ist die Stadt Gary von der Stahlindustrie abhängig.

    Gary liegt 40km von Chicago entfernt am Michigansee im US Bundesstaat Indiana. Das Klima ist ähnlich wie in New York, wobei die Temperaturen im Winter noch etwas tiefer fallen. Ein Klima, das ungefähr mit der Schweiz verglichen werden kann.

    Durch die von der Stahlunternehmen angestellten Arbeiter, wuchs die Stadt schnell und zählte nach 25 Jahren bereits über 100 000 Einwohner. Gary und ihre Stahlbetriebe wurden mehr, grösser und lockten weitere Arbeiter an.

    “Die Stadt war schmutzig und klein”
    Joseph Jackson, der Vater des Jackson-Clans, besuchte Gary erstmals als Kind. Nachdem sich seine Eltern scheiden liessen, zog er mit seinem Vater nach Oakland in Kalifornien. Seine Mutter zog nach Gary. Mit Ferienjobs und Arbeiten nach der Schule sparte sich der junge Joseph Jackson Geld, um seine Mutter endlich besuchen zu können. „Gary war anders, als ich erwartet hatte“, schreibt Joseph in seiner Autobiografie The Jacksons. „Die Stadt war schmutzig und klein, dabei hatte ich mir etwas Grossartiges darunter vorgestellt, weil William Marshall, der Schauspieler James Edwards und ein paar berühmte Boxer von dort stammten.“
    Er ahnte noch nicht, dass er nach der Grundschule bald auch in Gary arbeiten würde.

    Im Ofen der Stahlfabrik
    Joseph Jackson fand in Gary als junger Erwachsener Arbeit in einer Fabrik, in der er zum Kranführer ausgebildet wurde. Dann wurde er in einem Stahlwerk angestellt, in dem er sich zuerst beweisen musste. Anfangs war Joseph eingeteilt, mit einem Presslufthammer die halbwegs abgekühlten Hochöfen von der Stahlschlacke zu befreien. „Dann wurde ich befördert und musste im Rauchfang arbeiten, aber das war auch nicht viel leichter. Ich musste in ein Loch kriechen, das in einen unterirdischen Tunnel führte, der bis zum Boden des Hochofens reichte“, berichtet Joseph. „Der Tunnel mass nur drei Fuss im Durchmesser und war gerade breit genug, um hindurchkrabbeln zu können. Nach wenigen Metern bereits war ich völlig mit dickem, grauem Staub bedeckt. Dabei musste ich mich ganz langsam und vorsichtig durch die erstickende Hitze bewegen, um nicht mit dem Körper an die Wände zu stossen, weil ich mir sonst schwere Verbrennungen zugezogen hätte.“ Viele Männer seien dabei ohnmächtig geworden.

    Um die harte und gefährliche Arbeit zu verdrängen, träumte Joseph heimlich davon, ins Showgeschäft einzusteigen. Er wollte Schauspieler werden.

    gary_jacksons_sm“Sie war so süss”
    Nach einer nur drei Jahre dauernden Ehe, lernte Joseph Jackson Katherine Scruse kennen, als diese bei ihrer Stiefmutter in Gary zu Besuch war und mit dem Fahrrad vor seinem Zuhause vorbei fuhr. Auch ihre Eltern waren geschieden. Katherine lebte nicht weit von Gary, am Schiffahrtszufluss Indiana Harbor, der im Michigansee mündet. „Sie war so süss und sanft, dass mir gar nichts anderes übrig blieb, als mich in sie zu verlieben“, schreibt Joseph. Im November 1949 heirateten Joseph und Katherine. Bald erwartete das frisch verliebe Paar ein Kind und wollte ein Haus kaufen. „Leider konnten wir uns nur die kleinen Häuser in Gary leisten, aber da ich sowieso nur zwei Kinder haben wollte, meinte ich, dass der Platz schon ausreichen würde. Mit meinem Ersparten und Geld von Kates Stiefvater zahlten wir ein Haus in der Jackson Street an, und dann kauften wir uns erst einmal, was wir am nötigsten brauchten: einen Kühlschrank, einen Herd und ein Bett“, so Joseph Jackson.

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    Links: Das Haus der Jacksons. 2. von Rechts: Michaels Schule. Ganz rechts: die Roosevelt High School

    Geburten zu Hause
    Die Entbindung des ersten Jackson-Sprösslings, Maureen „Rebbie“ Jackson, fand zu Hause statt. Katherine Jackson hatte zwei Nächte lang qualvolle Wehen. Afroamerikaner wurden damals in den Südstaaten noch nicht im Krankenhaus aufgenommen. Bald erhielt Rebbie Geschwister, erst Jackie, dann Tito. Joseph Jackson war froh, mehr Geld zu verdienen: „Im Stahlwerk wurde ich endlich zum Kranführer befördert. Die Arbeit machte mir Spass, und ich gab mein Bestes, aber die Verhältnisse blieben schwierig, weil ständig Leute entlassen wurden und auch ich Angst vor einer Kündigung haben musste.“ Joseph besserte sein Gehalt zusätzlich mit Nebenjobs und mit einer Musikband „The Falcons“ auf.

    Der letzte Boom
    Mitte des 20. Jahrhunderts erlebte Gary einen letzten grossen Boom. Als Michael Jackson, das siebte Kind, zwei Jahre alt war, zählte die Stadt stolze 178 000 Einwohner. Doch der Einbruch hatte bereits begonnen. Das riesige Stahlwerk von US Steel und die Zulieferbetriebe mussten zuerst vereinzelt, und dann ab den 60er Jahren unaufhaltsam Tausende von Angestellten entlassen. Heute wohnen in Gary nur noch 80 000 Einwohner.

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    Dana, Jennifer, Olivia in Gary

    Gary heute

    „Die Stadt scheint wie ausgestorben. Sogar der Hauptstrasse entlang sahen wir immer wieder Ruinen mit zerschlagenen Scheiben und Graffitis“, sagt Jennifer. Im Juli 2010 besuchte sie mit ihren Freundinnen Dana und Olivia die frühere Heimat der Jacksons. Als sie vor Michaels Geburtshaus standen, hätten drei Autos angehalten, und sie vor den Gefahren gewarnt, wenn sie, drei blonde Frauen, so alleine unterwegs seien. „Aber wir erblickten keine einzige gefährliche Gestalt“, sagt Jennifer.

    Tatsächlich ist die Kriminalitätsrate in Gary aber überdurchschnittlich hoch. Im Jahr 2006 wurde Gary als die zehnt-gefährlichste Stadt in den Vereinigen Staaten bezeichnet. Die Polizei registrierte unglaubliche 51 Tötungsdelikte in nur einem Jahr. Ein grosser Teil der Mittelschicht war weggezogen und brachte die Stadt so in weitere finanzielle Schwierigkeiten.

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    Gangs bieten Aussicht auf Karriere
    Freddie Gibbs ist einer, der in den trostlosen Gegenden von Gary aufwächst und in die Kriminalität abrutscht. Jobs sind Mangelware, ganz zu schweigen von guten Arbeitsangeboten. Viele der Jugendlichen geben die Hoffnung auf eine berufliche Karriere auf, falls sie je welche hatten. Das mitmachen bei kriminellen Gangs bietet ihnen hingegen reale Aussicht auf Anerkennung und Geld. Freddie Gibbs und seine Freunde werden bereits in jungen Jahren straffällig. Als sein Crack-süchtiger Onkel stirbt, sind Hip Hop Grössen wie 2Pac oder Nas seine einzigen Vorbilder. Gibbs übt sich vermehrt im rappen. In seinen Texten verarbeitet er seine Erlebnisse in den Ghettos von Gary. Er mietet Studios in der Nachbarschaft und nimmt einige Tracks auf.

    Das Label lässt Freddie Gibbs fallen
    Ein Praktikant vom Plattenlabel Interscope erkennt das Talent von Freddie Gibbs und schlägt ihn seinen Vorgesetzten vor. Gibbs wird unter Verrag genommen, zieht nach Los Angeles und erhält einen Labelvorschuss von US Dollar 250 000. Aber die nun so nahe stehende Karriere sollte noch nicht losgehen. Die Marketingabteilung von Interscope weiss nicht so recht, wie sie einen Gangsterrapper aus dem mittleren Westen vermarkten sollen. Zudem werden die Gesetzeshüter auf Freddie Gibbs aufmerksam und kontaktieren ihn unter anderem wegen illegalem Waffenbericht, heisst es in Medienberichten. Das Label Interscope lässt Gibbs wieder fallen, bevor einer der aufgenommen Songs veröffentlicht wird.
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    Freddie Gibbs kehrt nach Gary zurück und ist wieder mitten im kriminellen Umfeld. Doch er hat nun Kontakte zu namhaften Produzenten und anderen Rappern geknüpft. Und so veröffentlichte er auf eigene Faust zwei Mixtapes im Internet. Als gratis-Download. Die Hip Hop Szene wird langsam auf ihn aufmerksam. Und als dann grosse Printmedien wie die LA Times und The New Yorker über ihn berichten, ist sein Durchbruch gelungen. Er unterschreibt bei einem Indie-Label und nach ein paar EPs, soll bald ein Hip Hop Album mit Madlib fertig werden.

    Die Aufmerksamkeit, in der sich der 29-jährige Freddie Gibbs sonnen kann, schlägt internationale Wellen. Soeben ist er für eine Konzert-Tournee nach Europa aufgebrochen. Am kommenden Samstag, 21. April 2012 gibt er sein erstes Schweizer Konzert im Stall 6 in Zürich.

    Update 2014: Freddie Gibbs Album „Pinata“ mit Madlib, hier auf CeDe.ch.

    Einige Clips:

    Links:  www.gary.in.us  /  www.freddiegibbs.com

    Besten Dank für die Fotos und Mithilfe an Dana, Jennifer und Olivia!

    Quellen: jackson.ch, wikipadia.org, laut.de, Die Jacksons (Joseph Jackson), div.