Poesie für eine bessere Welt

Ueli Meier

In einer Zeit mit einem Überfluss an musikalischen Veröffentlichungen, haben es revolutionäre Künstler, die wirklich etwas zu sagen haben, schwer, nicht unterzugehen. Nichts desto trotz blieb Saul Williams optimistisch, denn er ist sich sicher: „Wenn unmeditative Musik populär werden kann, kann es auch eine auf Meditation gerichtete Musik.“

Saul Williams – Poet, Rapper, Sänger, Musiker und Schauspieler – geniesst heute weltweite Bekanntheit. Anfang Juli 2008 reist der Amerikaner für ein Konzert nach Zürich.

Saul Williams hat mit einem Michael Jackson Stipendium vom United Negro College Fund Philosophie studiert.

Seine Worte fesseln, rütteln auf und regen zum Nachdenken an. Gebaut in lyrisch hoch stehende Gedichte, winden sie sich unaufhaltsam in die Ohren des Zuhörers. Das Ganze ist in Musik verpackt, die gleichzeitig fasziniert und irritiert. Mit „Pop, Pop, Powerpop“ umschreibt Saul Williams seinen Musikstil auf seiner myspace-Seite. Treffender sind wohl die Begriffe Hip Hop, Punk, Rock, Industrial und Elektro. Doch richtig einordnen lässt sich Saul Williams nicht. Das war auch der Grund, weshalb sein erstes Album „Amethyst Rock Star“ beinahe nicht veröffentlicht wurde. Erst zwei Jahre nach dessen Fertigstellung entschloss sich die Plattenfirma, es doch noch in die Läden zu stellen. Das nächste Album erschien über ein kleines Independent Label. Mit seinem neusten Musikwerk „Niggy Tardust“ hat sich Williams nun ganz von einer Plattenfirma gelöst und ist dem Radiohead Konzept gefolgt: Das Album kann vorerst nur via Internet erworben werden.

Ungewöhnliche Fusionen

Sauls aktuelle Projekt „The Inevitable Rise and Liberation of Niggy Tardust“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Nine Inch Nails-Leader Trent Reznor. Dieser sah Saul Williams erstmals in dessen Videoclip zu „List of Demands“ – und war begeistert. Trent nahm Kontakt mit dem Poeten auf und fragte ihn, ob er Lust habe mit Nine Inch Nails auf Tournee zu gehen. Saul willigte ein, war er doch auch schon mit The Mars Volta unterwegs: „Ein Publikum, das das meine ist, ist vielleicht etwas enthusiastischer, weil es mit der Musik vertraut ist. Aber es macht Spass neue Zuhörer zu erreichen. Es ist genial, Leute zu verwirren und zu sehen, wie sie herauszufinden versuchen was du genau machst. Es rührt mich zu beobachten, wie sie eine Begeisterung entwickeln dafür, dass sie etwas mögen, von dem sie es nie für möglich gehalten hätten.“





Saul Williams covert erstmals einen Song – und überzeugt auch hier (im Oginal von U2)

Anspruchsvolle Kost

Trent Reznor und Saul Williams verstanden sich nicht nur auf der Bühne. „Trent wurde zu dem grossen Bruder, den ich nie hatte. Er schenkte mir Einblick in seine Sicht, seine Kenntnis, und er teilte mit mir den Wunsch, das System zu durchbrechen, aber gleichzeitig völlig auf die Kraft der Musik und die Intelligenz der Massen zu vertrauen“, sagt Saul. Eine musikalische Zusammenarbeit war nur noch eine Frage der Zeit. Schlussendlich produzierte Trent Reznor gar fast das gesamte neue Album von Saul Williams. Auf „Niggy Tardust“ erwartet den Zuhörer ein Wechselbad von Emotionen. Mit eindringlich vorgetragenem Rap, flehendem Gesang oder an anderen Stellen mit ruhiger, warmer Stimme, führt Saul Williams durch das Album. Drum-Maschinen kreieren ausgefallene Rhythmen, abstrakte und düstere Klänge. Gitarren Samples, Keyboards und Violinen geben den Songs noch mehr Ausdruck. „Die Klangmauer, die wir kreierten, ist mit so vielen Graffitis übersät, dass ein Passant Eingangstüren suchen würde, um in den Schwall von Klängen eintauchen zu können“, so Saul Williams.
Slam Champion

Erstmals öffentliche Aufmerksamkeit verschaffte sich Saul Williams in der Poetry-Slam Szene um New York. Spätestens nachdem er 1996 den Grand Slam Champion des Nuyorican Poets Cafes gewann, wurde sein Name mit denen der talentiertesten US-Dichtern genannt. Seine Hauptrolle im Independent Film „Slam“ machte Williams dann auch in Europa bekannt. Der sozialkritische Streifen erhielt den Grand Jury Price am Sundance Festival und bekam weitere Preise, darunter die Goldene Kamera am Filmfestival in Cannes.

Rastloser Student

Geboren 1972, wuchs Saul Williams in den Vororten New Yorks auf. Ein von Michael Jackson finanziertes Stipendium ermöglichte ihm, am Morehouse College Philosophie zu studieren. Danach wechselte er an das Spellman College, um dort auch das Schauspiel-Studium erfolgreich abzuschliessen. Saul Williams betrachtet sich noch heute als Student und sieht die Aufgabe eines Künstlers wie folgt: „Es ist unsere Pflicht uns zu reinigen, so offen wie möglich zu sein, damit wir Dinge empfangen und anschliessend ausfiltern können. Leute bauen eine Beziehung zur Kunst auf und finden sich in ihr wieder.“ Zu Beatbox und Streichern setzte er 1997 einen ersten Text musikalisch um. „Coded Language“ mit DJ Krust stiess zwei Jahre später weltweit auf Begeisterung. 2001 erschien Saul Williams erstes Album „Amethyst Rock Star“. Produziert hatte das aussergewöhnliche Werk niemand geringeres als Def Jam Mitgründer Rick Rubin, der bereits mit den Beastie Boys, Red Hot Chili Peppers oder System Of A Down arbeitete.

Aktiv gegen Krieg

Unter den Namen „The Seventh Octave“, „S/he“, „Said The Shotgun To The Head“ und „The Dead Emcee Scrolls“ stellte Saul Williams bis heute vier Gedicht-Sammlungen in die Bücherregale. In seinen Texten legt Williams jeweils viel Wert darauf, jeden einzelnen Leser oder Zuhörer wach zu rütteln. „Antworten kann man für gewöhnlich akzeptieren oder zurückweisen. Wie man sich entscheidet spielt dabei keine Rolle. Wichtig ist, dass jeder einzelne Leser beginnt sich tiefere Fragen zu stellen“, sagt er. Saul Williams ist Mit-Unterzeichner und Aktivist der Anti-Kriegs Petition „Not in Our Name“, die sich gegen die US-Aussenpolitik seit dem 11. September 2001 stark macht. „Not In My Name“ war dann auch der Titel seiner im Jahr 2003 aufgenommenen EP. Sie schlug die Musikrichtung ein für das folgende, schlicht mit „Saul Williams“ betitelte Album, auf dem auch Zack de la Rocha von Rage Against The Maschine zu hören ist.





Saul Williams trägt sein Gedicht „Telegram“ vor, adressiert an die Hip Hop Kultur

Live in Zürich!

Nachdem Saul Williams im vergangenen Jahr mehrheitlich auf Vorlese-Tournee an Universitäten und Anlässen unterschiedlichster Art war, ist der Poet nun wieder mit Musik im Gepäck unterwegs. Saul Williams schlüpfte in Anlehnung an David Bowies „Ziggy Stardust“ in die Rolle von „Niggy Tardust“. Und dieser Niggy Tardust kommt am Freitag, 11. Juli 2008 nach Zürich in den Clubraum der Roten Fabrik. Ein Konzert, dessen Besuch vielleicht die erlebnisreichste Pflicht dieses Jahres ist.

offizielle Seite: www.saulwilliams.com

Interviewauszüge im Artikel:
– intro.de / Intro Ausgabe 82
– cyclicdefrost.com / Cyclic Defrost Magazine
– Saul Williams offizielle Webseite
– satyamag.com / Satya tlchicken.com /
– tlchicken.com / tastes like chicken

Textauszüge von Saul Williams:

The new wine is dying on the vine
how much must you age before you’re ageless?
align yourself with the divine
allow your inner sage to burn your rage less
‚cause I find you’re testaments of time
there is no space for time within your mind
if your looking for yourself, yourself you’ll find
through the crystal of your spirit you’ll inherit the divine
you are God, you best believe
don’t waste your time down on your knees

Saul Willliams – Wine
But I’m fearless
Sometimes I feel alone
Homeless, peerless
What will it take to shake the land for all the land to hear this?
I can’t bear this
Born of pages torn from ancient prayer lists
Descendent of the womb
The lotus blooms when I come near it
I declare it

Saul Williams – Scared Money
Who Me? I play scales.
The scales of dead fish of oil-slicked seas.
My sister blows wind through the hollows of fallen trees.
And we are the echoes of eternity.
Maybe you`ve heard of us.
We do rebirths, revolts, and resurrections

Saul Williams – Untimely Meditations
Mixed emotion
Contrived commotion…
…infinity
How can I escape this cycle?
Must I turn with the world
In the direction it dictates?
Am I the wind`s slave?

Saul Williams – Seven Mountains

 

















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