Comeback-Pläne in Bahrain

5. Oktober 2021

Bald wird das Buch „When the Sheikh Met the King“ Licht auf Michaels Zeit in Bahrain werfen, als er sich vom Missbrauchsprozess und dem grausamen Medienzirkus erholen wollte.

In Bahrain sollte ein Comeback-Album entstehen. Doch das Vorhaben endete in einem Desaster.

„Ich glaube wirklich, dass er heute noch leben würde, wenn er sich an sein Wort gehalten hätte“, sagt Manager Guy Holmes.

Im Frühjahr 2005 erhielt der junge Bahraini Omar Shaheen einen surrealen Anruf: Ob er für Michael Jackson arbeiten wolle!? Im Auftrag von Scheich Abdulla bin Hamad al-Khalifa, dem zweiten Sohn des Königs von Bahrain, sollte er ein hochmodernes Aufnahmestudio einrichten, damit dieses bei der Ankunft Michael Jacksons bereit sei.

Der 46-jährige Star hatte soeben einen zermürbenden Prozess hinter sich, bei dem ihm vorgeworfen wurde, dem damals 13-jährigen Gavin Arvizo Alkohol verabreicht und ihn sexuell belästigt zu haben.

Jermaine Jackson war seit seiner Konvertierung zum Islam im Jahr 1989 regelmässig in Bahrain und brachte den Scheich Abdulla mit seinem berühmten Bruder in Kontakt. Abdulla versuchte sich als Songschreiber und war ein grosser Fan von Michael Jackson.

„Ich wollte [Michael] von der Last der Schulden befreien,“ schrieb Jermaine in seinen Memoiren You Are Not Alone. „Eines Morgens auf der Fahrt zum Gericht rief ich Michael mit Prinz Abdulla an. Sie sprachen aufgeregt über Zukunftspläne, tauschten Nummern aus und blieben von da an in regelmäßigem Kontakt.“

Abdulla brauchte Michael auf die Idee, sich nach dem Prozess in Bahrain zu erholen und dort Musik zu machen. Am 29. Juni 2005 landete ein müder Michael Jackson auf dem internationalen Flughafen von Bahrain. Nachrichtenberichten zufolge war er mit Abdulla aus Europa eingeflogen, der am nächsten Tag seinen 30. Geburtstag feierte.

In den folgenden 11 Monaten wurde Bahrain zum neuen Zuhause von Michael Jackson, seinen drei Kindern und der Nanny Grace Rwaramba. Ihnen wurde eine luxuröse Villa, ein Rolls Royce mit Fahrer und ein Sicherheitsdienst zur Verfügung gestellt.

Angesichts seiner schwierigen finanziellen Lage, unterzeichnete Michael Jackson einen Vertrag mit dem Prinz Abdulla bin Hamad al-Khalifa, wie im Frühjahr 2006 bekannt gegeben wurde. Der Deal beinhaltete ein Album bei dessen Label 2 Seas Records, eine Autobiografie, ein Musical und eine Cirque du Soleil Show.

Der Prinz und Michael Jackson hatten sich Berichten zufolge schnell angefreundet, hörten gemeinsam Musik und entwickelten Songideen. Es sei, als würden sie sich schon lange kennen, sagte Abdulla. Und Michael bezeichnete seinen Gastgeber gegenüber der Associated Press als „den Allerbesten, fantastisch, so freundlich.“

Doch die Freundschaft und geplante Zusammenarbeit mit dem Scheich endete mit einer Klage.

Guy Holmes, der englische Musikmanager und Plattenlabelgründer, hätte Michaels Comeback professionell begleiten sollen. „Der Plan, den Abdulla mit Michael und mir ausgearbeitet hat, war eine wirklich gesunde, langfristige und gute Sache“, sagt Holmes. „Und ich glaube wirklich, dass er heute noch leben würde, wenn er sich an sein Wort gehalten hätte.“

Die Charity-Single „I Have This Dream“

Einige Tage nachdem New Orleans im August 2005 vom Hurrikan Katrina verwüstet wurde, liess Michaels Pressesprecherin Raymone Bain verlauten, dass er einen Song geschrieben habe, der den Opfern des Sturms zugute kommen werde.

Prinz Abdulla zeigte sich gegenüber dem GQ Magazin enthusiastisch: „Ich sah ihn an und er sah mich an, und wir wussten genau, was wir zu tun hatten. Michael ist ein echter Philanthrop. Es ist kein einfacher Weg, aber es wird passieren. Der Song wird herauskommen, egal was passiert.“

Im Oktober 2005 reiste Michael Jackson für zwei Wochen nach London, da er in einem Gerichtsprozess von Marc Schaffel aussagen musste, der ihn auf 4 Millionen verklagt hatte. Dabei nahm Michael im Metropolis Studio in Chiswick Gesangsparts für die damals noch temporär mit „From The Bottom Of My Heart“ betitelte Charity-Single auf. Prinz Abdulla hat angeblich an dem Song mitgeschrieben.

Der Finanzberater Ahmed al-Khan, der bei den Aufnahmen dabei war, erinnert sich: „Es war wunderschön. Es war ein vollwertiges Team. Michael änderte ständig Sachen, so, dass es nicht mit einem Fingerschnippen erledigt war.“

Bald darauf wurde auch ein Studio in Los Angeles gemietet wo James Ingram, Ciara, Snoop Dogg und Gospelsängerin Shirley Caesar weitere Gesangsparts aufnahmen.

Doch Michael Jackson nahm nie seinen finalen Gesang auf. Glaubt man den Aussagen von Prinz Abdulla während dem Gerichtsprozess im Jahr 2008, so seien er und Michael sich einig gewesen, dass die Aufnahmen aus London nicht Michaels Standards entsprächen und daher nicht veröffentlicht würden.

Michael litt vermutlich unter Depressionen

Die Bemühungen, Michael Jackson in Bahrain ins Studio zu bewegen, verliefen oft erfolglos. Obwohl Guy Holmes sagt, er habe Michael zweimal für 2 Seas Records aufnehmen hören. „Alle Haare in deinem Nacken standen auf. Er hatte eine Gabe von Gott, und zwar eine große.“ Jedoch sei es schwierig gewesen, ihn dazu zu bringen, dort aufzutauchen.

Das liegt daran, dass Jackson zu dieser Zeit wahrscheinlich an Depressionen litt, wie mehrere Quellen in Bahrain gegenüber „The Guardian“ berichten. Er habe sich auch selbst Medikamente verabreicht, sagt Holmes. „Er nahm alles Mögliche: hoch, runter, seitwärts und alles Mögliche. Jeder, der halbwegs bei Verstand war, konnte sehen, dass es Michael nicht gut ging.“

Guy Holmes versuchte, Michaels Gemütszustand mithilfe vom bekannten Motivationsguru Tony Buzan wieder nachhaltig zu verbessern. Dieser unternahm neun Reisen nach Bahrain, wo er sich mit Michael traf und ihn später als „eifrigen Schüler“ bezeichnete.

Guy Holmes hatte einen schwierigen Start

Bevor Guy Holmes als Manager Michael Jacksons und Präsident von 2 Seas Records in Bahrain engagiert wurde, gab es ein unglückliches Treffen, das beide Seiten irritiert haben dürfte.

„Michael sass hinter einem Stoffvorhang“, erinnert sich Holmes. „Man konnte ihn nicht wirklich sehen. Also verließ ich die Sitzung und sagte: ‚Sag ihm, er soll sich verpissen. Damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt, nicht mit Herumalbern.'“ Später wurde ihm klar, warum Jackson sich versteckt hatte. „Nach dem Gerichtsverfahren war er im Grunde nur noch Haut und Knochen, und ich glaube, das war es auch. Er schämte sich für sein Aussehen.“

Monate später wurde der Engländer Guy Holmes überredet nach Bahrain zurückzukehren. Er unterschrieb als Geschäftsführer von 2 Seas Records und willigte ein, den gebeutelten King of Pop zu managen. Mit Erschrecken habe er festgestellt, dass Michael Jackson „kurz vor dem Bankrott“ stand und in nicht weniger als 47 Gerichtsverfahren verwickelt war.

„Ich habe sie gezählt, weil ich mit ihnen zu tun hatte“, sagt Holmes. „Es war eine wahre Lawine von Scheiße, denn plötzlich war ich die Hauptperson und niemand machte sich die Mühe, es mir zu sagen.“

Eines der grössten Probleme war ein Privatkredit von 272.5 Millionen, der Berichten zufolge monatlich 4.5 Millionen Zinsen kostete. Das Darlehen war durch Michals Anteil am Sony/ATV Music Publishing Katalog gesichert.

Gemäss dem Artikel von „The Guardian“ haben bahrainische Berater, darunter Ahmed al-Khan, mit Sony Music zusammen gearbeitet, um die von der Fortress Investment Group gehaltenen Schulden zu besseren Bedingungen zu refinanzieren.

Holmes sagt, dass er sein Bestes tat, um Jacksons Finanzen in Schach zu halten, indem er gegen Jacksons Willen Kunstwerke verkaufte, die in einem Lager lagen, und einen Deal mit 2 Seas aushandelte, der mit minimalem Aufwand Millionen einbringen sollte. Dazu gehörten Pläne für ein Album, eine Memoiren, ein Bühnenmusical und eine Cirque du Soleil-Show. „Das erste Angebot, das ich allein für einen Buchverlagsvertrag erhielt, belief sich auf 24 Millionen Dollar“, sagt er. Jackson unterschrieb den Vertrag, und im April 2006 kündigte eine Pressemitteilung ein kommendes Album mit dem in Bahrain ansässigen Label an. Wenige Tage zuvor gab Jacksons Beraterteam in Bahrain bekannt, dass sie seine Schulden refinanziert hatten, was MJ eine Finanzspritze von etwa 30 Millionen Dollar verschaffte.

Langjährige Musiker Michals kamen nach Bahrain

Auf Michaels Wunsch hin liess Abdulla die Musiker John Barnes und Bill Bottrell nach Bahrain einfliegen, die bereits für Bad und Dangerous mit Michael Jackson zusammen gearbeitet hatten. (Auf dem Foto ist Barnes in der Mitte unten und Bottrell oben rechts zu sehen.)

John Barnes traf als erster in Bahrain ein, wo er an der Katrina-Charity-Single arbeitete. Es ist möglich, dass John Barnes bereits Ende 2005 in Bahrain war.

(Er hatte im Podcast mit dem MJ Cast darüber gesprochen und erwähnt, dass die Single „I Have This Dream“ getauft wurde. Wir hatten hier berichtet.)

Bill Bottrell traf später ein. Zuvor habe er mit einem enthusiastischen Michael Jackson übers Telefon gesprochen: „Billy, wir werden die beste Musik aller Zeiten machen! Wenn die Zeit reif ist, Billy, werden wir Mozart-Musik machen!“ Bill Bottrell weiss noch, wie Michael etwa viermal erwähnt habe, „wenn die Zeit reif ist.“

(Bill Bottrell, der mit Michael Songs wie „Black or White“ aufnahm, hatte bereits am Kingvention Online-Event davon erzählt. Wir haben hier berichtet.)

Es schien, dass die Zeit damals nicht günstig war. Denn als Bill Bottrell in Bahrain an neuen Songs arbeitete, war Michael Jackson verschwunden.

„Mit dem Geld in der Tasche hellte sich Jacksons Gemüt merklich auf, sagt Finanzberater Ahmed al-Khan. „Als er von seiner [finanziellen] Last befreit war, fühlte er sich wahrscheinlich wie ein freier Vogel. Er hatte das Selbstvertrauen, sein Stolz war zurück“, sagt er. „Aber er verließ den Schutz von Scheich Abdulla, der ihn wieder auf die Beine gebracht hatte, und wurde wieder in die Wildnis geworfen.“

Als er seine Zukunft in Bahrain in Frage stellte, bekam Jackson Angebote, wieder auf die Bühne zu gehen, so Manager Guy Holmes, der sagt, dass er von Brancheninsidern informiert wurde. „Ich wusste, was er tat, was unglaublich dumm war. [Promoter] sprachen davon, eine ganze Reihe von Shows zu machen und ihm einen großen Batzen Geld zu geben. Ich habe es sehr schnell erfahren“, sagt Holmes. „Körperlich war er am Ende … er war völlig unfähig, eine zweistündige Live-Show zu machen.“

Als Bill Bottrell und Schlagzeuger Brian MacLeod im Juni 2006 in Bahrain eintrafen, um Songs für das MJ Comeback-Album aufzunehmen, hatte Michael Jackson das Land bereits verlassen. Obwohl man ihn nach seiner zweiten Aussage in London und einem Auftritt bei einer MTV-Veranstaltung in Tokio zurückerwartet hatte, war er weitergezogen. „Eines Tages kam Abdulla ins Studio und sagte: ‚Ich glaube nicht, dass er kommt'“, erinnert sich Bottrell.

Weniger als drei Monate nach der Bekanntgabe seines 2 Seas-Deals gab Jackson bekannt, dass er sich von Guy Holmes und dem Rest seines Bahrain-Teams trennt. „Wir wollten Geschichte schreiben. Es wäre großartig für Bahrain gewesen, aber es ist nicht dazu gekommen“, sagt Omar Shaheen, der im Frühjahr 2005 extra für Michael ein Studio aufgebaut hatte.

Im November 2008 verklagte Prinz Abdulla MJ am Londoner High Court und behauptete, er habe 7 Millionen Dollar in Form von Darlehen und Spesen für den Star ausgegeben. Michael wiederum behauptete, er sei davon ausgegangen, es handle sich um Geschenke und er habe den Vertrag unter Zwang unterschrieben.

Neben „I Have This Dream“, von dem Bottrell sagt, es habe „großartig“ geklungen, wurden zwei weitere Jackson-Abdulla-Koproduktionen im Gerichtsfall erwähnt: „Light the Way“ und „He Who Makes the Sky Gray“.

So wie Guy Holmes den Scheich Abdulla einschätzt, wird dieser die Songs nie veröffentlichen. Aus Respekt vor Michaels Vermächtnis. „Ich glaube nicht, dass man sie jemals aus ihm herausbekommen wird.“

Der Deal mit AEG Live

Einen Tag bevor Jackson aussagen sollte, einigten sich die Parteien außergerichtlich. Das Magazin „Fortune“ berichtete, dass Abdulla 5 Millionen Dollar vom Veranstalter AEG Live erhielt, um Jacksons Vertrag mit 2 Seas Records aufzulösen.

Der Deal dürfte dazu beigetragen haben, dass AEG Live letztendlich mit Michael Jackson einen Vertrag für zehn Konzerte in London unterschrieb, die dann bald auf 50 Shows erweitert wurden. Michael starb während den Proben für die „This Is It“ Konzerte.

Der Artikel von The Guardian hier:

We wanted to make history’: Michael Jackson’s bizarre year in Bahrain

Wir hatten damals über Michaels Zeit in Bahrain und die Arbeit an der Katrina-Charity-Single berichtet:

jackson.ch News-Archiv März bis Dezember 2005

Motez Bishara wird am 11. Januar 2022 ein E-Book veröffentlichen:

„When the Sheikh Met the King: The Complete Oral History of Michael Jackson’s Bizarre, Secretive Year in Bahrain“

Das Buch kann hier bei Amazon.de vorgemerkt werden.

Quelle: jackson.ch, theguardian.com, div.

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