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Ende Juni 1999 hatte Michael seine Aufnahmearbeiten erneut unterbrochen und in Soeul und München zwei Konzerte (MJ + Friends) gegeben. Danach begab er sich eine Weile nach Paris und später verbrachte er einige Tage Ferien in Südafrika. Zum Schluss begab sich Michael noch nach London, wo er dann Ende Juli wieder nach New York zurückreiste. Während er wieder Aufnahmen für sein neues Album machte, gewährte Michael der weltberühmten amerikanischen Interviewerin, Daphne Barak, ein Exklusiv-Interview. Daphne Barak arbeitet für NBC und BBC.



Von Daphne Barak:

New York. In einem Hotel, dessen Namen ich nicht verraten darf.
Ich warte auf Michael Jackson, auf das erste Interview, das der Weltstar seit Jahren gibt. Ich weiss nicht, was auf mich zukommt. Lässt er mich stundenlang warten? Vertrösten mich seine Mitarbeiter auf morgen? Ist der bizzarre King of Pop bereits abgereist? Hat er noch Lust, den Termin einzuhalten?
Ich werde in eine Hotelsuite geführt. Warte dort. Allein - unterhalten von zwei absolut schweigsamen Bodyguards.
Die beiden Bodyguards haben Knöpfe im Ohr, über die sie mit Jackson verbunden sind.
Plötzlich kommt Bewegung in meine beiden stummen egleiter. Sie winken mir. Ich werde in einen anderen Raum geführt, muss vor der Tür warten.
Dann geschieht das, was kaum zu beschreiben ist. Die Tür öffnet sich. Und ein schmächtiger, fast niedlich anmutender Mensch, der wohl an Unterernährung leidet, steht in der Tür: Michael Jackson.
Ja - es ist Michael Jackson. Mit einem frisch gelegten Verband um seine Nase öffnet er mir die Tür: Der King of Pop.
Eine bizzarre Situation: Vor mir ein kleines, schmächtiges Männchen. Es trägt ein schwarzes zeltähnliches Ganzkörper-Kleid. Und wäre es nicht Michael Jackson, ich wüsste nicht, wie ich mich sonst verhalten hätte.
Mit einer dünnen, gebrochenen Stimme spricht er nicht, er flüstert, beginnt von den Aufnahmen zu seiner neuen CD zu erzählen. Ich frage: "Seit sie neue Aufnahmen in New York einspielen, leben sie im Hotel. Warum in einem Hotel?"
"Oh", versucht er Zeit zu gewinnen, um in einem Lehnstuhl Platz zu nehmen. "Oh", nimmt er seinen Faden auf. "Mein ganzes Leben ist eine Reise von Hotel zu Hotel. Ich lebe in Hotels seit ich ein Kind war". Dann fügt er an: "Ich kenne ja nichts anderes."
Das Hotelzimmer, in dem wir beide sitzen, hat den Charme aller Hotlezimmer: Es verrät nichts Persönliches. Und doch hat Michael Jackson versucht, etwas Persönliches in dieses Zimmer zu bringen: drei Fotografien! Zwei dieser Fotografien zeigen einen Boy, das dritte einen Knaben und einen Vater.
Ich denke, ich sehe nicht recht: "Das ist doch Mohamed Al Fayed und sein Sohn Dodi", stammle ich.
Und bin merh als erstaunt, in einem New Yorker Hotel in der Suiete von Popstar Michael Jackson ausgerechnet Bilder von Mohamed Al Fayed zu sehen, dem umstrittenen Chef des Londoner Kaufhauses Harrod`s.
"Woher wissen sie das? Woher kennen sie ihn?" flüstert Michael Jackson.
Geduldig, immer auf der Hut, dass er alles versteht, erkläre ich Mister Jackson, dass ich das erste TV-Interview mit Al Fayed für das US-Fernsehen gemacht habe - und seither fast familiär mit jedem Detail konfrontiert wurde, was den tragischen Unfall seines Sohnes Dodi mit Prinzessin Diana betraf.
"Kannten sie Dodi?" frage ich.
"Nein, leider nicht", flüstert der kleine Mann mit dem Verband auf der Nase. "Aber Mohamed gab mir diese Bilder als Geschenk. Mohamed geht durch ein Tal des Jammers. Dabei ist er - sie kennen ihn ja - so warmherzig, so besorgt..."
Ich weiss, was Michael Jackson meint. Ich erzähle ihm, über all die eiligst herbeigeholten Pillen, die ich von Al Fayed während meines Interviews mit ihm bekam: Pillen gegen Jetlag, gegen Lebensmittelvergiftung.
"Genau! Genau!" kreischt ein begeisterter Jackson. "Genau, so ist er! Genau so ist er!"
Al Fayed und Jackson trafen sich, wie ich weiss, wenige Wochen vorher in London. Damals polterte Al Fayed Jackson an: "Wischen sie doch ihr Make-up aus ihrem Gesicht! Warum tragen sie das überhaupt am Tag?"
Michael Jackson, nicht gewohnt, so angesprochen zu werden, fand dies offensichlich "charming".
Kein Wunder, dass wir bei unserem Gespräch in New York schnell zum Thema "Diana" kamen. Hatte Michael Jackson Verbindungen zur verstorbenen Prinzessin?
"Wir standen uns sehr nahe", gesteht Mister Jackson sachlich, ganz ruhig. "Ganz besonders nahe waren wir uns via Telefon. Sie verstehen..." Ich verstehe nicht ganz - aber er lächelt: "Ich war damals doch verheiratet! Mit Lisa Marie (der Tochter von Elvis Presley - Anm. D. Red.). Diana weckte mich gewöhnlich auf, rief spät nachts an... meist gegen drei Uhr morgens. Und dann hielt sie mich stundenlang am Telefon fest. Sie sprach über ihre Kinder, die Presse..."
Ich muss Michael unterbrechen: "Diana? Um drei Uhr morgens?"
Michael Jackson, sichtlich erfreut: "Ja! Und... Also... Meine Frau Lisa Marie begann richtig eifersüchtig zu werden! So eifersüchtig, dass sie in einen anderen Raum ging, dort den Hörer abnahm, um zu erfahren, was Diana und ich redeten."
"Was für eine Szene" sage ich.
Michael Jackson weiter: "Ich versuchte ihr klarzumachen: Diana, diese Telefongespräche mitten in der Nacht... Du ruinierst damit meine Ehe... "
Obwohl Michael Jackson von Lisa Marie Presley seit 1995 geschieden ist, erwähnt er ihren Namen im Gespräch stets liebevoll:
"Ja", sagt er. "Wir sind immer noch gute Freunde. Wir stehen in ständigem Kontakt."


Michael Jackson. Er bleibt das unfassbare Phänomen der Pop-Kultur. In New York ist er, um seine neue CD zu beenden. Geboren 1958, ist er das welweit erfolgreichste Entertainment-Gebilde. Der französische Philosof Jean Baudrillard hat ihn beschrieben als "ein fabelhaft künstliches, androgynes Wesen, das noch besser als das Christkind auf der Welt herrschen kann und die Welt versöhnen, weil es besser ist als Gottes Kind. Ein Prothesenkind, Embryo aller Mutationen, die man sich nur träumen lassen kann, das uns befreit von den Zwängen der Rasse und der Sexualität."
Die Jahrtausendwende feiert der "postmoderne Janus" im neuen Olympia-Stadion von Sydney/Australien am 31. 12. 99. Und er kann zurückblicken auf zwei Jahrzehnte "pop total": auf "Thriller", dem weltweit meistverkauften Album, auf seine Bad-ournee, die weltweit 400 Millionen Franken einspielte, auf das Album Dangerous, das in nur vier Wochen 40 Millionen mal verkauft wurde. Und auf seinen Vertrag mit Sony Music, der ihm innerhalb von 15 Jahren 1,5 Milliarden Franken garantiert.
Der Skandal (1992/1993), der Michael Jackson als Knabenverführer präsentierte, nachdem eine Familie namens Chandler Anzeige wegen sexuellem Missbrauch ihres Sohnes durch Michael erstattete, gehört der Vergangenheit an.
Gegenwart ist Mister Jacksons Spielerei zwischen den Rassen, den Geschlechtern, den Generationen. Was die Rasse anbelangt, so oszilliert Michael zwischen Schwarz und Weiss. Er hat sich von der Rasse der Schwarzen entfernt, jedoch ohne ein Weisser zu werden.
Im Interview mit TV-Talk-Lady Oprah Winfrey führt er diese Mutation auf eine Pigmentstörung zurück, die in der Medizin unter dem Namen Vitiligo bekannt ist. In ähnlicher Weise mutiert er auch von Mann zu Frau, ohne wirklich eine zu werden, mutiert vom Erwachsenen zu Kind, ohne jünger zu werden.


Obwohl er sich immer verändert, ist er stets als Michael Jackson zu identifizieren.
Auch im Interview in New York. Obwohl er wieder einen "neuen Look" plant.
Warum ich dies ahne?
Als ich ihn im Hotelzimmer verlasse, taucht ein Fotograf seines Vertrauens auf. Der soll Fotos "des aktuellen Michael" machen: Eine visuelle (ist es wieder eine plastische?) Veränderung? Die bandagierte Nase weist zumindest den Weg.
Warum diese ständige Veränderung? Sie liegt wohl begründet in seiner Persönlichkeit, die sich nie frei entwickeln konnte.

So erzählte mir ein enger, berühmter Freund von Michael Jackson: "Wir mussten ihn schon früher immer verkleiden. Wir konnten ihn ja nicht mal über die Strasse begleiten, ohne dass er erkannt wurde. Michael konnte jahrelang nicht eine Strasse überqueren. Unmöglich. Er zitterte, er schüttelte sich... Und dann lachte sie uns und ihn auch noch aus.


"Sie kennen so viele Menschen, haben so viele Menschen getroffen und gesprochen...", sagt mir Michael Jackson, als wir über einige Personen sprechen, die ich in den letzten Jahren interviewen konnte.
Nelson Mandela. Gemeinsam erinnern wir uns an den südafrikanischen Präsidenten: "Wann immer ich in Südafrika war, war er sofort für mich da. Ich bewundere ihn. Er ist wie ein Vater zu mir" schwärmt er.
Luciano Pavarotti. Über den er (da gab es Ärger wegen eines von Mister Jackson abgesagtem Konzertes) sagt: "Er war wirklich ein echter Freund!"
Veletzbar und grundehrlich öffnet sich der Weltstar, den in den letzten Jahren niemand interviewen konnte: "Die Medien waren wirklich grausam zu mir. Was immer ich nicht tat - sei berichteten darüber. Sie wissen nichts oder wollen nichts über meine Spenden wissen."


Und dann verrät Michael Jackson Dinge, die bisher völlig unbekannt sind. "Wie", beginnt er, "wie konnten die Medien nur so schreckliche Dinge über mich sagen!" (Zum Beispiel über "Verführung von Knaben" - Anm. der Red). Der Weltstar: "Erinnern Sie sich noch an diese Frau, die ihre Kinder ermordete?"
Ich erinnere mich: Es war die Mutter, die ihre Kinder ertränkte und dann mit ihrer Geschichte über ihre verschwundenen Kinder ganz Amerika in Atem hielt, bevor die grausame Wahrheit ans Tageslicht kann.
"Ich erinnere mich", sage ich. "Und? Niemand weiss, wer für die Bestattung der Kinder sorgte, sie bezahlte."
Wer zahlte die Bestattung?
Michael Jackson: "Ich war es! Dies wurde nie veröffemntlicht! Ich machte das nicht, um Werbung für mich zu machen. Ich tat es für die Kinder. Ich konnte nicht schlafen, nachdem das passiert war. Ich fühlte nit den Kindern. Und dann schreiben sie das, erfinden Geschichten über mich. Warum tun sie das?


Michael Jackson könnte sich wehren. Mit Anwälten. Er macht es nicht mehr. Warum nicht? "Ich habe keine Lust mehr, gegen sie zu kämpfen. Warum auch! Es hat keinen Sinn. Sie drehen doch wieder alles um und sagen dann. Michael hat schon wieder ein anderes Ding gemacht."


Michael ist heute selbst Vater von zwei Kinder, von Prince Michael Junior und Paris Katherine.
Beide liebt er abgöttisch. Oder wie er es sagt: "Sie sind das Schönste, das Beste, das Wunderbarste, was mir mein Leben hat schenken können. Alles, wirklich alles gebe ich weg für meine Kinder."


Auch mit Debie Rowe, der Mutter seiner Kinder, hat er heute ein Verhältnis gefunden, das für beide akzeptabel ist.
Überhaupt: Stehen bleiben will, kann, will der King of Pop nicht. Längst hat der blendende Geschäftsmann (er kaufte die Rechte der Beatles-Songs, hat ein Privatvermögen von rund 750 Millionen Franken) neue Show-Felder im Visier: Michael Jackson will ins Filmgeschäft, hat mit den grössten Film-Produzenten Kontakt, um eigene Produktionen zu realisieren: "Ich möchte die Geschichte von König Tut Ench Amun umsetzen", sagt er mit seiner kindlichen Stimme, die fasziniert. "Das ist mein Traum..."
Schon ist er wieder in seiner Welt: "Das ist die Geschichte eines Königs von Ägypten, der als Sechsjähriger gekrönt wurde - und als er dann starb, war er 18 Jahre jung."
Wollen sie den Film als Regisseur machen? Oder die Musik dazu schreiben? Jackson: "Ich will die Rolle des Königs Tut spielen! Es ist eine wunderbare Geschichte, die nicht viele Menschen kennen."
Ich bin verwundert, obwohl mich nichts mehr wundert, frage, ob es nicht andere Filmstoffe gibt.
"Ich will das spielen! Ich fühle mich diesem König verbunden. Ich, wir, Sie, wir alle können von ihm viel lernen, aus seinem kurzen Leben."
Während wir üer Filme, Produzenten, Frauen, Firmen sprechen, kommt Prince Michael junior, Michaels Sohn, ins Zimmer.
Sofort kümmert sich Micahel um Michael junior: "Ich versuche, soviel Zeit wie möglich, mit meinen Kindern zu verbringen, mit ihnen zusammen zu sein. Selbst wenn ich reise oder arbeite - sie sollen wissen, wie sehr ich sie liebe."


Als das Telefon (übrigens sehr, sehr leise) klingelt, verschwindet sein Sohn. Der King of Pop muss arbeiten, muss mit Sony-Managern über sich, seinen Look sprechen.
Vielleicht taucht Michael Jackson ja schon morgen anders auf.
Zwei Tage später.
Michael Jackson und ich sprechen am Telefon. Wir sprechen über Menschen, denen er wirklich vertraut, denen er misstraut.
Das Gespräch kommt auf den Finanzier Khalid Al Mansur, den Vertrauten des Milliardärs Prinz Al Whalid, der bei Air France ebenso beteiligt ist wie bei Euro-Disney. Später telefoniere ich mit Al Mansur. Er sagt: "Schau, Daphne, die Menschen um Michael... Du hast es ja gesehen... Das ist Chaos und Professionalität... Wer will schon 24 Stunden weggeworfen oder dabei sein..."
Und dann meldet sich Michael Jackson.
Und der sagt mir: "Du musst dem Mist, der über mich erzählt wird, keine Beachtung schenken. Ich bin immer wieder überrascht über den Mist. Du musst lernen, damit umzugehen wie ich.
Und wie gehen Sie damit um, Michael Jackson?
"Ich weiss, wem ich trauen kann. Ich weiss wer meine Freunde sind. Ich weiss mehr, als die Menschen denken. Ich zeige ihnen nichts... Ich weiss es."