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«Ansturm auf Europa verhindern»
Copyright © St.Galler Tagblatt AG / Interview: Ueli Meier


Patrick Baumann aus Arbon arbeitete von 1999 bis 2005 in Kamerun. Der 38-jährige, in Betriebs-Ökonomie weitergebildete Kaufmann spricht über die Gründe der Armut in afrikanischen Ländern. So auch über Korruption, Illusionen von vielen Afrikanern und wieso die verschärften Asyl-Gesetze kaum nützen.



Weshalb gingen Sie nach Afrika?

Patrick Baumann: Mich bewogen idealistische Gründe, Abenteuerlust und Müdigkeit vom gewöhnlichen Leben in der Schweiz. Ich wollte meine Fähigkeiten in schwierigen Umständen einsetzen. Von der damaligen Basler Mission wurde ich 1999 als Buchhalter für ihre Partnerkirche in Kamerun angestellt. Das Spektrum meiner Arbeiten war riesig und brachte viele technische und fachliche Herausforderungen mit sich. Oft mussten wir improvisieren, da nicht alles so funktioniert und vorhanden ist wie hier.

Welche Eindrücke haben Sie von Kamerun und der Bevölkerung?

Baumann: Landschaftlich ist das Land wunderschön. Ich hielt mich im regenintensiven, tropischen Gebiet auf. Am Fuss von Mount Cameroon, dem mit 4095 Metern über Meer höchsten Berg Westafrikas. Die Menschen sind sehr nett und haben eine enorme Lebensfreude und Ausstrahlung – trotz ihren alltäglichen, schweren Problemen wie Geldsorgen, Aids und Kinder, die sie nicht in die Schule schicken können.

Zurück in der Schweiz: Was geht Ihnen durch den Kopf?

Baumann: Die Unzufriedenheit unter den Leuten ist mir erschreckend bewusst geworden. Alle sind am Jammern und schauen auf diejenigen, welche noch mehr haben als sie selbst. Das obwohl wir eines der reichsten Länder der Welt sind. Die vielen «Problemli», die die Leute hier ständig haben, sind einfach lächerlich. Auch Gewalt kennt man in Kamerun nicht in der Form wie bei uns. In den fünf Jahren meines Aufenthaltes in der 100 000-Einwohner-Stadt Buea habe ich gerade von zwei Morden gehört.

Bedenkt man, dass der Reichtum Europas unter anderem auf Kosten Afrikas aufgebaut wurde und wir den Kontinent noch heute ausbeuten, müsste es in Afrika bedeutend mehr Rassisten gegenüber uns Europäern geben als umgekehrt . . .

Baumann: Ich wurde nie rassistisch angegriffen – bis auf ein einziges Mal, aber der Mann war betrunken. Rassismus gegenüber Europäern ist in Afrika viel weniger vorhanden als umgekehrt in Europa.

Wo liegen die Probleme der Armut?

Baumann: Kameruns Regierung wird nicht gut geführt, deshalb ist auch das Schulsystem schlecht. Mit ehemaligen Mitarbeitern in Kamerun habe ich den Verein «Techshare» gegründet mit dem Ziel, das Bildungsniveau anzuheben. Wenn die Leute gebildeter sind, wird mehr politisiert und korrupten Regierungen eher das Handwerk gelegt. Sie würden sehen, was in Europa läuft, und könnten Vergleiche ziehen. Bei mehr Bildungsmöglichkeiten und folglich mehr lokalem Unternehmertum hätten die Leute auch weniger den Wunsch, nach Europa zu kommen.

Sie haben die vielen Asylbewerber angesprochen . . .

Baumann: Europa wird immer mehr ein Problem mit Emigranten haben. Deshalb müssen wir Einwanderungswilligen in ihrer Heimat Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten bieten, um den Ansturm auf unseren Kontinent zu verhindern – die meisten hier würden in ihrer miesen Situation gleich handeln. Erwähnen möchte ich auch den Fair Trade, damit sie eine Chance haben zu produzieren, was Europäer kaufen. Dazu müssten die europäischen Staaten ihre Landwirtschaftssubventionen überdenken, denn damit nehmen sie afrikanischen Bauern ihre Chance.

Ist Europa zu Entwicklungszusammenarbeit verpflichtet?

Baumann: Definitiv. Europa hat Afrika ein System aufgedrängt und es ausgenützt. Als die Kolonien vor einem halben Jahrhundert aufgegeben wurden, gab es kaum saubere Übergaben, sondern die Kolonialmächte haben ein Chaos hinterlassen – wobei sich die Engländer besser verhielten als die Franzosen.

Einige Leute behaupten, Afrika komme nicht vorwärts, weil Afrikaner nicht so intensiv arbeiten wie wir . . .

Baumann: Das ist einfach zu sagen, doch die Problematik ist viel komplexer. Zum Arbeitsengagement: Es gibt Bauern, die sich fast zu Tode arbeiten, um etwas Weniges zu produzieren. Zudem habe ich mit vielen gut arbeitenden Afrikanern zusammengearbeitet, die auch etwas erreicht haben. Das Problem liegt darin, dass die Wirtschaft nicht funktioniert. Dies hat wiederum viele Gründe. Begonnen bei der meist fehlenden Bildung, Korruption und «Hexenglauben» bis hin zu Nachwirkungen der Kolonialzeit.

Wie verbreitet ist Korruption?

Baumann: In der Schweiz gibt es Korruption nur in der Politik und den Eliten, wobei die Definition von Korruption schwammig ist. Kamerun ist eines der korruptesten Länder der Welt. Dort gibt es sie in allen Schichten – Elite, Regierung, Polizei – und zunehmend auch in der Bevölkerung. Der moralische Zerfall wird durch die Armut gefördert. Die meisten Leute sehen schon gar nichts Falsches mehr dahinter. Korruption gehört zum Leben, ist ein «Geschäft». Oft hört man, dass auch multinationale Firmen die Korruption fördern.

Was ist «Hexenglauben»?

Baumann: Der Aberglaube ist tief in den Köpfen der meisten Kameruner verankert. Bei mehr Bildung wäre dies sicher weniger der Fall. Das ganze Sozialsystem baut darauf auf, Kranke gelten meist als verhext; so auch Wirtschafts-flüchtlinge, die aus Europa zurückgeschickt wurden und ohne Geld wieder auftauchen. Oder sie werden für Egoisten und Geizkragen gehalten und deshalb ausgestossen. Die Leute glauben ihnen nicht, wenn sie erzählen, wie es in Europa wirklich ist. Zu fest sind diese Hollywood-Klischees vorhanden, dass in Europa das Geld einfach auf der Strasse liege und die Europäer das Leben ohne harte Arbeit geniessen würden. Deshalb trauen sich viele bei uns abgewiesene Afrikaner nicht zurück in ihre Heimat zu gehen, ohne ihrer Familie helfen zu können.

Neben der Investition in Bildung, wie kann Afrika am wirkungsvollsten unterstützt werden?

Baumann: Soforthilfe ist notwendig, aber dabei darf die Ursachenbekämpfung nicht vergessen werden, denn nur so können die afrikanischen Länder aus eigener Kraft der Armut entfliehen. Wer ein gutes Projekt unterstützen möchte: Wichtig ist, dass Leute vor Ort sind oder waren, die die Zustände kennen und mit der afrikanischen Mentalität umgehen können. Notwendig ist auch, dass Einheimische gut ausgebildet werden und die entsprechenden Projekte selber betreuen können und damit deren Nachhaltigkeit gewährleisten. In Afrika sollte zudem mehr investiert werden, um die Wirtschaft voran zu bringen. Schlimm finde ich, was hierzulande alles weggeworfen wird. Materialspenden vom Handy über Computer bis zum Auto, mit dem jemand in Afrika ein Taxi-Unternehmen aufbauen könnte, sind hilfreich. Generell hilft Informationspolitik, um unser Umfeld aufmerksam zu machen.

Interview: Ueli Meier, 28. Februar 2006 / Copyright St.Galler Tagblatt AG

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TeCHshare

“Statt in Gitterzäune zu investieren, muss in die Entwicklung, insbesondere Bildung, investiert werden”, sagt Patrick Baumann in Anspielung auf die dramatischen Ereignisse an der spanischen Grenze in Marokko.
Das von ihm mitgegründete Hilfsprojekt “TeCHshare” steht für Technik, Bildung und Solidarität. Das Ziel ist, in Westafrika via Internet das vorhandene Wissen den Einheimischen zugänglich zu machen. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit Schweizer Fachhochschulen. “Viele Leute wollen lernen, haben aber die Möglichkeit nicht oder können es nicht bezahlen.” Der Verein schifft Hardware nach Westafrika, baut Internet-Schulen auf und bildet Betreuer aus. Materielle und finanzielle Spenden sind willkommen.