Vom umfangreichsten Song-Leak seit 2014 schreibt MJ Vibe in ihrem Kommentar und fragt, ob die Nachlassverwaltung genug dagegen unternehme. Wir haben nachgeforscht:
Rund 30 bisher unbekannte Aufnahmen sind kürzlich im Internet aufgetaucht. Darunter vorwiegend unfertige Versionen von Titel, über die seit langem spekuliert wurde, wie das schaurig-schöne „Innocent Man“, das ungewohnte „Turnin Me Off“ aus den Hayvenhurst-Sessions 1986, „Neverland Landing“ über das wir hier berichtet haben, oder „Remember What I Told You“, das Michael Jackson Ende 2008 mit Brad Buxer in einem Hotelzimmer in Las Vegas eingespielt hatte.
Bereits zu Lebzeiten Michael Jacksons gab es grosse Leaks. Damals sind Dangerous-Outtakes wie „Serious Effect“ mit LL Cool J oder „There Must Be More To Life“ und „State of Shock“ mit Freddie Mercury scheinbar aus dem Nichts im Internet gelandet. Auch diverse Thriller-Outtakes wie „Nite Line“ oder „Carousel“ gingen online, die zuvor auf Bootleg-Kassetten unter Fans kursierten.
Im Jahr 2003 tauchte gar ein brandneuer Song namens „Xscape“ auf, der sich in Windeseile verbreitete, obwohl Michaels Management die Fans um Hilfe bat, eben dies zu stoppen. Im Sommer 2008 geschah selbes mit „Hold My Hand“, einem Duett zwischen Akon und Michael Jackson.

„Es verdarb viele Sachen, die wir für die Aufnahme geplant hatten,“ liess Akon das Publikum von MTV wissen. „Ich und Mike haben an vielen Konzepten gearbeitet bevor er starb. ‚Hold My Hand‘ war eine der Aufnahmen, die komplett war; Der Rest der Aufnahmen sind unvollständig. Das sind nur Ideen, Konzepte, Harmonien und Sachen, die die Welt wahrscheinlich nie sehen wird, weil ich nicht Unfertiges heraus geben möchte“, so Akon.
Doch wieso gelangen immer wieder unbekannte Songs an die Öffentlichkeit?
Insbesondere die frühen Leaks dürften auf Hacker zurückzuführen sein, die sich in Studio-Computer und PCs der Mitarbeiter einschleusen konnten.
Im Jahr 2014 wurden in England zwei junge Männer von einem Gericht zu 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt, da sie sich in einen U.S.-Server von Sony Music gehackt und 8000 Musikfiles gestohlen hatten. Darunter hunderte Songs von Michael Jackson, Beyoncé und weiteren. Nachdem Sony den Angriff entdeckt hatte und ihnen eine Gefängnisstrafe drohte, gaben sie vor Gericht an, sie hätten nach Beweisen suchen wollen, die belegen, dass die drei „Cascio“-Songs auf dem „Michael“-Album nicht von MJ selbst, sondern von einem Stimmenimitator eingesungen wurden.
Tatsächlich aber hatten sie in Foren versucht, die entwendeten Songs zu verkaufen. Titel wie „Days In Gloucestershire“ oder „I Am The Loser“ stammen aus diesem Hackangriff.

Michael Jacksons unveröffentlichte Musik liegt überall verstreut, nicht nur in den Archiven seiner Plattenfirma oder beim Nachlass. Teilweise noch auf alten Studiobändern, oder digital auf Festplatten. Der Nachlass hat vieles in Michaels eigenen Archiven entdeckt. Inwieweit sie das bei diversen Musiker, Techniker und weiteren Privatpersonen liegende Material angefordert haben – und wie weit sie überhaupt in Kenntnis sind – ist unbekannt.
Auch Michael Jackson hatte zu Lebzeiten hier und da Studiobänder mit unveröffentlichter Musik verloren. In seinen „In The Studio with MJ“-Seminaren berichtet Brad Sundberg, wie ein Toningenieur ihm ein Originalband von „Scared Of The Moon“ mit nach Hause gab – und das Band danach unauffindbar war. In unserem Beitrag über Michael Jacksons Besuche in der Schweiz berichten wir von den DAT-Tapes, die Michael Jackson bei seinem geheimen Aufenthalt im Jahr 2000 liegen gelassen hatte und die uns jemand nach Michaels Tod für viel Geld anbieten wollte.
Andere Tapes aus den Studio-Sessions wurden bei Auktionen versteigert. Einige versuchte die Nachlassverwaltung zu verhindern, oft erfolglos.
Kürzlich gerieten die „Dangerous“-Outtakes von Bryan Loren wieder in den Fokus, als ein ehemaliger Polizist Kopien von den Songs in einer Lagerhalle fand. Nebst den vollständig aufgenommen und bereits zu Michaels Lebzeiten geleakten Songs waren hier weitere unfertige Stücke wie „Seven Digits“ oder „Man In Black“ enthalten. Wir haben hier über die Loren-Songs berichtet.
Die Loren-Songs sind ein gutes Beispiel von unveröffentlichten Songs, die in verschiedenen Händen sind. Auch Shana Mangatal, die frühere Assistentin von Michaels Manager Sandy Gallin, hat viele davon auf Kassetten. Drei dieser Kassetten versuche sie vor einem Jahr auf einer Auktionsplattform mit einem Startgebot von 85’000 trotz Protest vom MJ Estate zu verkaufen.
(wir berichteten hier. Obwohl sie das Startgebot auf 60’000 senkte, fand sich kein Käufer.)

Was denken wir über die jüngsten Leaks? Wer steckt dahinter?
Die seit Sommer 2025 auszugsweise und nun zumeist komplett geleakten Songs stammen unseren Informationen zufolge aus mindestens zwei Quellen. Leute, die womöglich weiter Kenntnis haben, äussern sich uns gegenüber nur Anonym und zurückhaltend.
Unsere Haltung den Leaks gegenüber ist gemischt. Einerseits bereitet es Freude, bisher ungehörtes von Michael Jackson zu hören und so einen weiteren Einblick in sein kreatives Schaffen zu erhalten. Doch es fühlt sich nicht richtig an, wenn sich diese Songs ohne Kontext im Internet verbreiten. Was die Nachlassverwaltung damit womöglich einst vorhat oder ob sie aufgrund der Leaks oder aus anderen Gründen weiterhin von einer Veröffentlichung absehen, bleibt ungewiss.
Über die Jahre gab es an Fan-Events immer wieder unveröffentlichte Musik zu hören – oft von daran beteiligten Musikern vorgespielt. Insbesondere gab es an den „In The Studio with Michael Jackson“ von Brad Sundberg viele solcher „work in progress“ Versionen zu hören. Mit den dazugehörigen Infos und zur Freude seiner Seminarteilnehmer aus teuren Studiolautsprechern. Doch leider haben irgendwann Besucher begonnen, heimlich aufzuzeichnen und die Mitschnitte danach unter der Hand zu verbreiten oder diese direkt ins Internet gestellt. Im Frühjahr 2023 stahl dann gar ein Seminar-Teilnehmer einen von Brad Sundbergs Laptops – und stellte den gesamten Inhalt noch am selben Tag frei zugänglich ins Internet. So leakten Titel wie „Faces.“
Was animiert Fans, die unveröffentlichte Musik ins Internet stellen?
Manche finden es unfair, dass nur Fans, die sich die teuren „In The Studio with MJ“-Tickets leisten können, in den Genuss kommen, und denken, Brad Sundberg bereichere sich mit der unveröffentlichten Musik unrechtmässig. (Da wir vor einigen Jahren mangels freier Studiolokalität unverhofft eines seiner Seminare in Zürich organisiert haben, wissen wir zumindest, dass er finanziell knapp kalkuliert und einiges investiert um die Seminare möglich zu machen.) Indem diese Fans die Songs leaken, wollen sie den Seminaren die Exklusivität nehmen. Auch bei „Music-First“ und weiteren Fan-Events gab es bereits unveröffentlichtes zu hören. Und auch diese wurden vereinzelt Opfer von heimlichen Aufnahmen.
Manche Fans scheint es schlicht anzuspornen, Material zu leaken, um für einen kurzen Moment im Rampenlicht zu stehen, oder sie erhoffen sich, dass sich andere Fans mit solchem Material melden und sich daraus Tauschgeschäfte ergeben.
Andere scheinen verstimmt angesichts der zurückhaltenden Veröffentlichungspolitik von der Nachlassverwaltung und meinen, es sei das Recht von uns Fans, die Musik zu hören. Musik, die Michael zu Lebzeiten zurückbehalten hat.
Tatsächlich hat die Nachlassverwaltung, abgesehen von Thriller40, seit 2014 mit Xscape keine „neuen“ Songs veröffentlicht. Mit der Ausnahme von „Don`t Matter To Me“, das sie Drake zugunsten einer Neuinterpretation aushändigten.
Doch auch davon ist eine fünfminütige Version im Umlauf – wenn auch erst auszugsweise geleakt – die näher am Original aus dem Jahr 1980 ist, als was auf dem Drake-Album „Scorpion“ zu hören ist. Der Co-Writer Paul Anka hatte „Don`t Matter To Me“ auf einem eigenen Album als Duett veröffentlichen wollen, erhielt vom MJ Estate dann aber, als er seine Version bereits produziert hatte, eine Absage.
Weitere Infos/Anmerkungen:
Die anfangs erwähnten Dangerous-Outtakes dürften wahrscheinlich vom Co-Produzent Bryan Loren selbst unbeabsichtigt in Umlauf gebracht worden sein, da er sie auf seiner myspace-Seite hochgeladen hatte und nicht bedachte, dass diese mitgeschnitten werden können. Ob er sie auch selbst unter der Hand an Freunde verbreitet hatte? Mitarbeiter der Plattenfirma mit Zugang zu Outtakes oder Multitracks brachten auf jeden Fall auch so einiges in Umlauf, da sie Material weitergaben und diese beschenkten Personen später begannen, damit zu handeln und tauschen.
Quelle: jackson.ch, theguardian.com, div.
Ich bin ebenfalls kein Fan von Leaks. Ich höre mir mir einige Songs 1x an ioder vermeide sie komplett. Es macht einfach keinen Spaß sich einzelne Songs anzuhören, die unvollständig sind. Mit Xscape im Jahr 2014 war ich froh, dass neben dem Original auch die neuen Versionen vorhanden waren. Dies hat Xscape nochmal etwas belebt.
Xscape, Blue Gangsta, Slave to the Rhytem, Al place with no Name… die kannste man alle bereits. Die Songs habe ich mir Jahre zuvor schon mehrmals angehört und sie waren teilweise „ausgelutscht“. Nach Xscape habe ich mir geschworen, wenige Songs 1-2x oder gar nicht mehr anzuhören.
Vom unveröffentlichten Kram fand ich Days In Gloucestershire und Chicago 1945 super. Alles was. Vor 2014 kam (You dont love me, Serious Effect und Co) habe ich bestimmt schon 1000x gehört. Nichts Neues also.
Frau Mangatal ist mir ebenfalls sehr suspekt. Sie gibt sich als „geheime Freundin“ aus, hat jedoch nur ein oder zwei Fotos von Mj. Wenn man mal etwas recherchiert fällt auf, dass sie MJ besessen ist/war. Die ist schon als Heranwachsende krankhaft besessen von MJ gewesen. Ob man ihr Glauben schenken mag sei dahingestellt.
Ich persönlich habe eher Mühe, wenn von lebenden Künstlers Songs vorab leaken. Bei MJ sehe ich es weniger schlimm, obwohl ich es per se nicht gut finde, wenn sie sich unkontrolliert verbreiten.
Im Kontext kännten Leaks solcher work in progress Songs sogar insofern förderlich sein, da sie einen Einblick in Michaels rohes Talent und Genie geben, was ihm nanche angeichts seiner teils überproduzierten Releases absprechen…
Und was Michaels Release-Ethik anbelangt dürfen wir nicht vergessen, dass auf der Ultimate Collection diverse work in progress Songs erschienen. Klar hatte er damals anderes im Kopf und wollte einfach auch aus dem Vertrag mit Sony raus. Aber, er hat sie freigegeben.
Shana Mangatal halte ich auch nicht für unglaubwürdig was ihre langjährige Affäre mit Michael anbelangt… Es gibt offenbar ganz viele Leute, die mal kurz oder länger mit MJ zu tun hatten, und ihre Storys nun bis ins absurde aufblasen. Schade.