Mit Michael im Studio: Die Dangerous Sessions

Ueli Meier

«Ich wollte ein Album machen, das wie Tchaikovskys Nussknacker-Suite ist. So, dass es die Menschen auch in tausend Jahren noch immer anhören. Etwas, das für immer lebt. Ich möchte sehen wie Kinder und Jugendliche und Eltern und alle Rassen rund um die Welt für hunderte von Jahren Songs von diesem Album herausziehen und analysieren. Ich möchte, dass es lebt.» (1)

Für «Dangerous» nahm sich Michael Jackson zweieinhalb Jahre Zeit – die Plattenfirma konnte noch so lange um einen Veröffentlichungstermin flehen. Mit den Musikern seiner Wahl wollte sich Michael erneut übertreffen, Klänge kreieren, die das menschliche Ohr noch nie gehört hatte.

Wer das Gück hatte, bei den «Dangerous»-Sessions dabei zu sein, erlebte einen entspannten, herzlichen und zu Spässen aufgelegten Michael, der abseits vom Paparazzi- und Fan-Rummel ganz sich selbst sein konnte. Einen Michael, der in der Musik völlig aufging und einen unglaublichen Ehrgeiz an den Tag legte.

«Mein Ziel im Leben ist es, der Welt das zu geben, was ich das Glück hatte zu empfangen: Die Ekstase der göttlichen Vereinigung durch meine Musik und meinen Tanz. Es ist wie mein Zweck, dafür bin ich hier.» (1)


MJ 1990 im Record One mit Studio-Assistent Bart Stevens.
Foto-Copyright: Bart Stevens, „Get A Glimpse of MJ„, dallasobserver.com

Wie war der Studio-Alltag mit dem «King of Pop»? Wie sind die Songs entstanden und wer hatte die Ideen dazu? Aber zuerst der Reihe nach:

Das Ziel: «Decade 1979 – 1989»

Nach drei unglaublich erfolgreichen Alben mit Quincy Jones beabsichtigte Michael Jackson das Zepter als ausführender Produzent in die Hand zu nehmen. «Michael wollte den kreativen Prozess von A bis Z kontrollieren», so Brad Buxer. (12) Bereits für «Bad» hatte Michael in seinem privaten Studio über ein Jahr lang mit befreundeten Musikern aufgenommen – und einige dieser Demos später mit Quincy Jones für das «Bad»-Album neu aufgenommen. Fünf Nr. 1 Songs wurden von «Bad» ausgekoppelt. Spektakuläre Videos und ein Spielfilm namens «Moonwalker» kamen auf den Markt. Die 123 Konzerte der «Bad»-Tournee wurden von 4.4 Millionen Zuschauern besucht und spielten 125 Millionen Dollar ein.

Die Zeit für ein «Best-Of» war da. Das Label Epic Records, bei dem Michael Jackson und seine Brüder nach ihrem Weggang von Motown unterschrieben, hatte in der Zwischenzeit ihren Besitzer und Vertriebspartner gewechselt. Es war im Jahr 1988, als Sony den Konzern CBS inklusive der dazugehörenden Musiklabels aufkaufte. Epic und Sony konfrontierten Michael Jackson bald darauf mit ihrem Vorhaben, ein «Greatest Hits» Album auf den Markt zu werfen. So entstand die Idee für ein Album mit dem Titel «Decade 1979 – 1989», das seine grössten Hits sowie vier neue Titel enthalten sollte.

Da Michael ständig kreative Ideen hatte, gingen die Chefs von Sony und Epic davon aus, dass das Album bis Weihnachten 1989 fertig gestellt sei.

«Michael begann an dem Tag, als wir Bad fertig gestellt hatten», bestätigte Toningenieur Bruce Swedien. «Am nächsten Tag nahm er Demos auf.» (5)

«Streetwalker» / «Come Together»

Während Michael auf Tournee war, arbeitete der Musiker Bill Bottrell beispielsweise an einer neuen Version vom «Bad»-Outtake «Streetwalker», an dem sie erstmals im Jahr 1985 in Michaels Heimstudio in Encino getüftelt hatten. Die im Jahr 1988 entstandene Version wurde mehr als ein Jahrzehnt später auf der Bad Special Edition als Bonus veröffentlicht – obwohl Michael die während der Bad-Tour hinzugefügt Mundharmonika damals im negativen Sinn als «ignorant» bezeichnet habe, wie sich Bill Bottrell erinnert. (7, 6)

Ebenfalls bereits während den «Bad»-Sessions nahmen Bill Bottrell und Michael das Beatles-Cover «Come Together» auf – das dann im «Moonwalker» Film zu hören war und im Jahr 1992 als B-Seite von «Remember The Time» erstmals auf einen Tonträger gepresst wurde.

«Ich war offiziell nur ein Ingenieur, aber ich spielte [alle Instrumente] und produzierte den gesamten Titel – in sehr roher Midi-Art – und hätte nie gedacht, dass es sich um Material handelt, das veröffentlicht wird. Aber Michael unterstützte und motivierte mich, und hat mein Leben verändert… und gab es raus», sagt Bill Bottrell, der im Booklet von «HIStory» und «Remember The Time» als Co-Produzent von «Come Together» aufgeführt wird. «Er musste mich rechtlich nicht kreditieren, aber er tat es!» (6)

«Earth Song» einer der ersten Songs

Im Juni 1989 bezogen Michael Jackson und Bill Bottrell das Westlake Studio in Los Angeles, wo bereits die Aufnahmen für «Bad» und «Thriller» mit Quincy Jones stattgefunden hatten.

Unter den ersten Songs, an denen Bill Bottrell und Michael Jackson im Jahr 1989 arbeiteten, waren «Who Is It» und gemäss Toningenieur Matt Forger auch «They Don′t Care About Us», «Heal The World», «Monkey Business» und «Earth Song». Eine rohe Demo für letzteren Song hatte Michael Jackson während der «Bad»-Tour 1988 in seinem Hotelzimmer in Wien aufgenommen. Auf dieser oder einer kurz danach entstandenen Demo ist ein Piano zu hören und Michael Jackson, der zwei Strophen singt. Auch der «Aaaah»-Refrain war bereits auf Band.

Der Song «Black or White» entstand aus einer vorhandenen Idee. «Dieses Stück Musik, der Anfangsteil, auf dem Slash spielt, das wurde zum ersten Mal in Michaels Haus aufgenommen», schrieb Bill Bottrell. «Michael bat mich im August 1989, es aus dem Tresor zu holen. Er beabsichtigte, es als Intro für Black Or White zu benutzen. Es dauerte noch eine lange Weile, bis wir Slash hinzuzogen.» (5)

Mit Leib und Seele dabei

Als Michael Bill Bottrell darum bat, an «Earth Song» mitzuwirken, brachte er ihm eine Videokassette vom Film «Der Smaragdwald» von 1985 mit. Der Film von John Boorman thematisiert, wie sich ein Indianervolk gegen den Bau eines Staudammes im Amazonas-Regenwald Brasiliens wehrt und dabei das Kind eines Ingenieurs entführt. Gemeinsam sahen sich Michael Jackson und Bill Bottrell desweiteren diverse Umweltdokumentationen an. Michael wollte sicherstellen, dass seine kreativen Partner mit Leib und Seele im Thema steckten. (16)

«Michael ist durch die [Bad-] Tournee und da er die Welt gesehen hatte, inspiriert worden», sagt Matt Forger. Die meisten Songs, an denen sie zu Beginn arbeiteten, hätten ein gestärktes soziales Bewusstsein Michael Jacksons offenbart. Ein Teil dieser Themen kamen auf das Dangerous Album. «They Don`t Care About Us» und «Earth Song» hingegen landeten erst sechs Jahre später auf «HIStory».

Joe Vogel weist in seinem Buch «Earth Song: Inside Michael Jackson’s Magnum Opus» darauf hin, dass Michael Jackson nachdem er sich von den Zeugen Jehovas getrennt hatte, zu einer neuen spirituellen Überzeugung gelangt sei und verweist auf Gedichte in «Dancing The Dream». In «God» schrieb Michael: «Ist es nicht sonderbar, dass es Gott (ihm oder ihr) nichts ausmacht, sich in allen Religionen der Welt zu erkennen zu geben, während die Menschen sich immer noch daran klammern, nur ihr Weg sei der richtige?»

In «Innocent» notierte Michael: «Wenn man in einem einzigen fixierten Muster des Denkens und Handelns gefangen ist, blockiert man seine eigene Kreativität. Man verliert alle Frische und den Sinn für den Zauber des Augenblicks. Lerne wieder unschuldig zu sein, und deine Ursprünglichkeit wird dich nie verlassen.»

Bryan Loren: «Er weiss genau, was er will.»

Bald konnte Michael einen weiteren Produzenten für sich gewinnen, von dem er sich einen funkigen und modernen Einfluss erhoffte: Bryan Loren. Die Zusammenarbeit funktionierte wunderbar und Loren arbeitete bis im Frühjahr 1991 für Michael. (Zu seiner grossen Enttäuschung landete letztendlich aber kein einziger seiner Songs auf «Dangerous»…)

Bryan Loren erläuterte damals, wie er und Michael im Studio funktionieren: «Er weiss genau, was er will. Wenn wir an einem von meinen Songs arbeiten, ist er offener für Ideen und Experimente. Aber wenn es eines seiner Lieder ist, so ist er sehr bestimmt. Er singt dir jeden Part vor – die Akkordfolgen, die Streicher, die Basslinie und Drumparts. Er hat alles in seinem Kopf.»

Der echte Michael: «Er ist wirklich lustig…»

Und Bryan Loren lernte einen Michael Jackson kennen, von dem die Öffentlichkeit nicht viel mitkriegte. «Der echte Michael Jackson ist ein rasender verrückter Mann», so Loren schmunzelnd. «Das ist die Seite von ihm, die die Leute nie sehen. Wir hatten eine grossartige Zeit im Studio – es ist eher wie ein Urlaub als zu arbeiten. Er macht wirklich viele Scherze.» Der Multiinstrumentalist weiter: «Er ist wirklich lustig. Eines Tages habe ich mit dem Ingenieur gesprochen und Michael sass hinter ihm und tat so, als würde er nicht zusehen. Und dann fing er plötzlich an seine Augen zu verdrehen und Grimassen zu ziehen, nur um mich zum lachen zu bringen.» (9)

Brad Buxer: Der Beginn einer langen Zusammenarbeit

Ein weiterer neu hinzugestossener Musiker, mit dem sich Michael menschlich wie auch musikalisch besonders gut verstand, war Brad Buxer. Der Pianist und Arrangeur stiess auf Empfehlung von Bill Bottrell im Herbst 1989 zum Team im Westlake Studio. Es handele sich um einen Musiker, der seit 1986 in der Live-Band von Stevie Wonder spielte.

«Ich liebe Stevie Wonder, für mich ist er ein musikalischer Prophet», betonte Michael, der mit dem Soulmusiker seit den Motown-Zeiten eine Freundschaft pflegte. (14)

Es war nicht das erste Mal, dass Michael auf einen Musiker von Stevie Wonder aufmerksam wurde. Bevor Greg Phillinganes zu einem der vertrautesten Musiker Michael Jacksons wurde, hatte auch ihn Stevie Wonder entdeckt. (Seit Greg Phillinganes mit den Jacksons am «Destiny» Album mitgewirkt hatte, begleitete er Michael Jackson als Pianist und Bandleiter bei Konzerten ebenso häufig, wie er mit ihm an neuen Songs arbeitete.)

Während der oft ausgebuchte Greg Phillinganes bei den «Dangerous»-Sessions kaum ins Studio kam, war Brad Buxer öfter anwesend und nahm einen wichtigen Part ein. Er verstand es, Michael Jacksons Visionen umzusetzen und ihm mit seinem Musikverständnis kompetent zur Seite zu stehen. So wusste Brad Buxer, Michaels Arrangement-Ideen zu verfeinern und die richtigen Tonlagen zu finden.

  

«Michael war nicht stur»

«Michael war nicht stur, er war immer offen für meine Vorschläge und Ideen», sagt Brad Buxer. «Obwohl Michael aus musikalischer Sicht ein Genie war, wusste er, dass er nicht alles selbst tun konnte und er hatte die Intelligenz, einige Dinge zu delegieren. Manchmal wusste er genau, wie er mich alle Teile eines Liedes spielen hören wollte. In anderen Momenten liess er mich spielen, bis er etwas hörte, das ihm gefiel.» (12)

«Wenn Michael beatboxte, tanzte er in Gedanken.»

Obwohl MJ mit seinem Musikverständnis und den oft gewagten, die klassischen Musikregeln durchbrechenden Arrangements immer wieder überraschte, konnte er keine Noten lesen oder schreiben. Er beatboxte, summte und sang seine Ideen auf ein Tonbandgerät oder instruierte die Musiker direkt.

«Michael hat uns immer mit Percussion-Sounds herausgefordert. Er mochte all das flauschige Zeug nicht. Er mochte Geräusche, die weh taten, die dir richtig einfahren», sagt Brad Buxer. «Wenn Michael beatboxte, tanzte er in Gedanken. Er hatte keine Regeln, er liess dich laufen. Er wollte den kreativen Prozess fliessen lassen.» (11)

Mit Brad Buxer arbeitete Michael fortan ständig zusammen, insbesondere wenn es darum ging, seine solo-Kompositionen umzusetzen. Für die zweite Hälfte der «Dangerous»-Tour übernahm Brad Buxer von Greg Phillinganes die musikalische Leitung der Live-Band und musizierte bis im Jahr 2006 oder gar 2008 mit MJ.

Für «Dangerous» arrangierte Brad Buxer, spielte Keyboards, programmierte Instrumente und nahm digitale Bearbeitungen vor.

Michael: «Mein Herzschlag hält alles zusammen»

«Ich höre überall Musik», erklärt Michael gegenüber dem Ebony-Magazin. (1) Und in «Dancing The Dream», «How I Make Music»:

«Man fragt mich immer wieder, wie ich meine Musik mache. Und ich antworte darauf, dass ich einfach in sie hineingehe. Dass es so ist, als ginge man in einen Fluss und liesse sich von ihm tragen. Jeder Augenblick in dem Fluss besitzt ein Lied. Also verharre ich in einem dieser Augenblicke und höre zu. Was ich höre ist nie gleich. Ein Spaziergang durch einen Wald bringt ein leichtes, knisterndes Lied. Blätter rascheln im Wind, Vögel zwitschern, und Eichhörnchen huschen vorüber, Zweige knacken unter den Füssen, und mein Herzschlag hält alles zusammen. Überlässt man sich dem Fliessen (flow), dann ist die Musik innerhalb und ausserhalb, und es ist beides dasselbe. Solange ich dem Augenblick zuhören kann, werde ich immer Musik haben.»

«Die Känge sind die Rhythmen, die ich mache. Ich schrieb einen Song auf dem Dangerous Album, Who Is It, und was ich mache ist, zu einem Kassettenrekorder zu gehen und die Klänge aufzunehmen, so wie ich sie in meinem Kopf höre, und ich höre den Bass, ich höre die Percussion, ich höre das Schlagzeug, und Who is It geht wie folgt…»

Michael erklärte das Songschreiben in einer Aussage für einen Plagiats-Prozess im Jahr 1993, bevor er seine Beatbox-Skills demonstrierte. «Ich nehme genau das auf Band auf, was ich in meinem Kopf höre, so mache ich es meistens.» (Reynaud Jones und Robert Smith behaupteten erfolglos, sie seien die Komponisten von «Thriller», «The Girls is Mine» und «We Are The World».)

In der Regel hatte Michael auch Worte und Textzeilen im Kopf – doch die kompletten Texte schrieb Michael meist erst später. Oft nahm er diese erst dann auf, wenn die Musik ausgefeilt war. Ein Grund, wieso auf den meisten Demo-Aufnahmen in den Archiven nur stellenweise Textzeilen zu hören sind und Michael an anderen Stellen auf eine Art rhythmisch summt – ohne reale Worte.

«Bestimmte Worte fallen dir zu einem bestimmten Zeitpunkt ein… die zu der Melodie passen. Andere Worte kommen im gleichen Moment mit der Melodie, in de sie erschaffen wurde, weisst du… (singt) Heal The World… ich meine, ich habe nicht darüber nachgedacht, es kam einfach von selbst. (singt) Make it a better place… So kam es mit der Melodie. Ich dachte: Wow, das ist schön, heile die Welt… lasst uns unsere Welt heilen.»

«Die gleiche Musik lenkt die Rhythmen der Jahreszeiten»

«Ich bin nur die Quelle, durch die sie [die Musik] kommt und es ist eine wunderbare Sache. Es ist sehr spirituell. Es ist wie unter einem Baum zu stehen und ein Blatt fallen zu lassen und es fangen zu versuchen, es ist so schön. Und was ich mache – es kommt mir in den Sinn – ich könnte spazieren, weisst du, einer Strasse entlang, oder ich könnte auf einer Bank im Disneyland sitzen, oder etwas tun wie Erdnüsse zu essen, und da ist es: Es ist in meinem Kopf. Oder ich könnte in der Dusche sein, oder ich kann aufwachen, wie ich es tat, als ich ′We Are The World′ schrieb. Da ist das Lied, es ist direkt in meinem Kopf – die gesamte Komposition.»

Er nehme die Einfälle dann so bald wie möglich auf. «Oral, mit meinem Mund. Ich mache Sounds, so wie ich möchte, dass der Bass oder die Streicher oder das Schlagzeug spielt, so wie jeder Teil gehen soll.» (13)

«In einem der Stücke im ′Dangerous′-Album sage ich: Ewige Lebensgesänge pochen in meinem Blut, tanzen den Rhythmus von Ebbe und Flut. Das ist eine sehr wörtliche Feststellung, denn die gleichen wunderbaren Intervalle und biologischen Rhythmen, die aus der Architektur meiner DNA erklingen, lenken auch die Bewegung der Sterne. Die gleiche Musik lenkt die Rhythmen der Jahreszeiten, den Puls unseres Herzschlags, die Wanderung der Zugvögel, die Ebbe und Flut der Meereszeiten, die Zyklen von Wachstum, Evolution und Auflösung. Es ist Musik, es ist Rhythmus.» (1)

Das Ende von «Decade 1980 – 1990»

Es ist unklar, wann genau Michael Jackson den Plan fasste, anstelle vom «Best-Of» ein komplett neues Album aufzunehmen. Womöglich hatte er das schon immer im Sinn und willigte in die «Greatest Hits» Pläne nur ein, da Sony Music und Epic Records Druck aufsetzten. Geplant war eine Zusammenstellung mit folgenden Songs:

Disc 1: Don′t Stop ′Til You Get Enough, Rock With You, Off The Wall, She′s Out Of My Life, Heartbreak Hotel, Someone In The Dark, Wanna Be Startin′ Somethin′, The Girl Is Mine, Thriller, Beat It, Billie Jean, Human Nature, P.Y.T., State of Shock

Disc 2: Bad, The Way You Make Me Feel, Man In The Mirror, I Just Can′t Stop Lovin You, Dirty Diana, Smooth Criminal, Come Together, I′ll Be There (1989 Version), Never Can Say Goodbye (1989 Version), Black Or White, Heal The World, Who Is It. (3, 8)

Die Quelle dieser Songliste ist unklar – angeblich existieren wenige Test-Pressungen, von denen es zwei verschiedene Versionen geben soll.

Die Termine verstreichen

Die Medien berichteten, dass Michael Jackson obwohl er schon über ein Jahr im Studio an seiner neuen «Greatest Hits» LP arbeite, bereits vier Termine habe verstreichen lassen. «Michael ist am mixen und re-mixen. Er wird nicht zufrieden sein bis alles genau so ist, wie er es haben möchte», wird ein Insider zitiert. In einem anderen Bericht ist zu lesen, dass Michael Jackson mit den Verantwortlichen seiner Plattenfirma Epic über die Songauswahl streite. «Michael hatte sehr bestimmte Ideen von den Songs, die er als Klassiker betrachtet. Aber die Führungskräfte bestanden darauf, viele von Michaels älteren Hits miteinzubeziehen.», sagte ein ungenannter Plattenfirma-Insider. Jetzt weigere sich Michael Jackson mit irgend jemanden über das Projekt zu sprechen. «Da steckt eine Menge Geld in diesem Projekt und die Führungskräfte sind besorgt.»

Matt Forger, einer der beteiligten Toningenieure, weiss: «Michael war einfach nicht an altem Material interessiert, er wollte damit fortfahren, zu kreieren. Wir hatten einfach zu viele neue Ideen.» (19)

Chris Cadman, Autor von «Michael Jackson – The Maestro», glaubt, dass die «Greatest Hits» Pläne von Sony endgültig aufgegeben wurde, nachdem Michael am 3. Juni 1990 mit Schmerzen im Brustbereich ins Spital eingeliefert wurde. Die Ärzte diagnostizierten Entzündungen am Brustkorb, die oft von Stress und Überanstrengung verursacht werden.

Umzug ins Record One

Derweil war Michael mit seinen Leuten ins «Record One» Studio in Los Angeles umgezogen. Die ersten Musiker begannen dort im November 1989 zu arbeiten. Für rund 4000 Dollar im Tag wurden im «Record One» zwei komplette Studios gemietet, wie das Rolling Stone Magazin zu berichten wusste.

«Das komplett Gebäude war für alle geschlossen, die nicht zu unserem Produktionsteam gehörten. So hatten wir totale Privatsphäre», berichtet Tontechniker Matt Forger. (19) Nicht einmal Vertreter von Michaels Plattenfirma durften ohne Voranmeldung vorbei schauen.

Ein Album ohne Quincy Jones

  

Michael arbeitete mit drei Teams im «Record One»: Bill Bottrell, Bryan Loren sowie Bruce Swedien. Die Produzenten sollten Michaels Visionen umsetzen und ihm mit ihren Inputs zu einem neuen, innovativen Sound verhelfen.

Es sollte das erste solo-Album ohne die Hilfe von Quincy Jones werden. Nur Bruce Swedien hatte bereits seit «Off The Wall» für Michael gearbeitet – als Toningenieur an der Seite von Quincy Jones.

Der Alltag mit Michael

Als technischer Direktor hatte Brad Sundberg Einblick in die Aufnahmesessions aller Produzenten-Teams. Er war auch für das Einrichten von Michael Jacksons privaten Suite im Studio verantwortlich. Hier konnte sich der Meister zurückziehen, an Songtexten arbeiten und Besprechungen abhalten. Genauso wie auf der Bühne fühlte sich der «King of Pop» im Studio zu Hause. Brad Sundberg und das restliche Team gaben sich Mühe, um Michael ein Umfeld zu bieten, in dem er sich wohl fühlte. Bei seinen «In The Studio with MJ» Seminaren zeigt Brad Sundberg Fotos von Michaels privater Studio-Lounge, die sie mit gemütlichen Sofas und Club-Tischchen einrichteten.

Die Wände wurden mit Disney- und Kinderbildern dekoriert, Michael liebte die Inspiration «magischer Momentaufnahmen», wie er Fotos dieser Art umschrieb. An einer grosser Tafel konnte Michael Zettel mit Notizen aufhängen.

«Michaels Büro war wie das von Quincy Jones», sagt Brad Sundberg. «Jeder hatte Tonnen von Storageboxen dort.» Obwohl eigentlich in stattlicher Grösse, habe Michael bald Platzprobleme gehabt. (11)

Die Technik übertraf alles

Brad Sundberg war zuständig für die komplexe Technik in den Studios, damit die Toningenieure und Produzenten auf höchstem Niveau arbeiten konnten. Neben der Abmischung musste vor jeder Aufnahmen die Verkabelung, das Auftreiben und Einrichten der gewünschten Geräte und das Justieren von den Mikrofonen erledigt werden. Denn es galt: Immer den bestmöglichen und passenden Klang einzufangen – dafür eigneten sich je nach Bedarf unterschiedliche, moderne oder alte Technik.

«Auf technischer Ebene übertrafen wir alle Regeln mit mehr Tracks, mehr Studios, umfangreicheren Mixen etc. Ich glaube beim Song Jam waren es um die 160 Tonspuren auf 4-Band-Maschinen, die auf zwei Konsolen gemischt werden mussten, gleichzeitig in zwei Studios. Es war verrückt, aber wir machten es möglich. Ich würde sagen, es hat meine Karriere diesbezüglich beeinflusst, dass ich nicht davor zurückschrecke, alles mögliche zu probieren und ständig auf Perfektion dränge», sagt Brad Sundberg. (17)

Michael mochte Brad Sundberg. Er wusste, dass er ein aufstrebender Profi war. Erstmals trafen sich die beiden Ende 1984 während den frühen Aufnahmen für «Captain EO» im Westlake Studio. Brad Sundberg arbeitete damals als junger Studio-Assistent, und kochte auch Kaffee und besorgte Essen. Später war er bei den frühen «Bad»-Sessions bei Michael zu Hause in Encino dabei und durfte als Assistent von Bruce Swedien ebenso die finalen «Bad»-Sessions im Westlake Studio mitbetreuen.

Streiche auf Neverland

Nachdem Michael 1988 die Neverland Ranch gekauft hatte, begannen die nächtlichen Anrufe. «Brad, ich habe einen Zug gekauft und möchte, dass dieser Musik spielt!», hiess es etwa. Brad Sundberg zog auf Michaels neuer Ranch hunderte Meter Kabel, empfahl die passenden Musikboxen und vieles mehr. Der Toningenieur installierte über die Jahre nicht nur ein Soundsystem in Michael Jacksons Schlafzimmer, sondern auch in diversen anderen Räumen vom Haupt- und Gästehaus, auf den Bahnen im Vergnügungspark und in den Parkanlagen, wo Sundberg Boxen unter Sträuchern versteckte oder diese als Steine oder Vogelhaus tarnte.

Michael scheute weder Aufwand noch Geld, um seinen Besuchern ein Eintauchen in eine magische Traumwelt zu ermöglichen. Doch nicht nur das. «Michael liebte es, seinen Besuchern Streiche zu spielen», erinnert sich Sundberg, wenn er bei den «In The Studio with MJ» Seminaren von Neverland erzählt und Fotos zeigt. So habe Michael auch im Reptilienhaus Boxen verstecken lassen. Plötzlich habe er dann aufgezeichnete Geräusche abgespielt um den Besuchern das Schreckensgefühl zu vermitteln, als sei gerade eine Schlange oder ein Krokodil entwichen.  (11)

Auf die Neverland-Ranch zog sich Michael während den «Dangerous»-Sessions am Wochenende zurück. Unter der Woche schlief Michael in einer Eigentumswohnung in der Nähe vom Record One Studio in Los Angeles.

«Michael hatte kein Zeitgefühl»

«Ich ging für gewöhnlich um 9 oder 10 Uhr morgens ins Studio», berichtet Brad Sundberg. «Das war hart, da ich normalerweise zwei Stunden vor allen anderen im Studio war und oft zwei bis drei Stunden länger blieb, nachdem alle gegangen waren.»

Die Sessions hätten meist bis Mitternacht oder zwei Uhr morgens gedauert. Manchmal sogar bis in die Morgenstunden. «Michael hatte kein Zeitgefühl», so Brad Sundberg, der für die zweieinhalb Jahre, in denen an «Dangerous» gearbeitet wurde, als technischer Leiter eingestellt war.

«Hurt me, Brad!»

«Michael liebte es, die Musik so laut wie möglich zu hören.» Mit den Worten «Hurt me, Brad!», habe er ihn jeweils angewiesen, wenn ihm die Musik zu leise war. «Michael zerstörte alle paar Wochen seine Kopfhörer, da er die Musik derart laut hörte!»

Familientage, Umarmungen und Geschenke


MJ, Bruce Swedien, Brad Sundberg mit Ehefrau und Tochter.
Foto-Copyright: Brad Sundberg, inthestudiowithmj.com

Die Freitage waren die «Family-Days» – eine Tradition, mit der Michael bei den «Bad»-Sessions begonnen habe, wie Brad Sundberg erzählt. Als Ausklang der Studio-Woche kamen Michaels Köche von Neverland ins Studio, um das gesamte Team und deren Familien, die sie mitbringen durften, kulinarisch zu verwöhnen.

Michael wusste, wie wichtig es war, eine gute Atmosphäre im Studio zu haben. Dazu gehörte auch der persönliche Austausch und ein freundschaftlicher Umgang miteinander – wer davon nicht viel hielt, für den standen die Chancen schlecht, allzu lange für den «King of Pop» arbeiten zu dürfen.

«Michael hat dich immer mit einer festen, herzlichen Umarmung begrüsst», weiss Brad Sundberg zu berichten. Bei seinem «In The Studio with Michael Jackson» Seminar zeigt der Tontechniker ein Video, in dem Michael einen Toningnieur-Assistent mit Geschenken überhäuft. Der Assistent, Bart Stevens (siehe erstes Foto in diesem Artikel), musste sich einer Herz-Operation unterziehen, was Michael berührte.  (11) 

Ein Fan hört neuen Song: «Men In Black»

Am 20. März 1990 ging ein Traum eines jeden Michael Jackson Fans in Erfüllung: Der Engländer Adrian Grant («Thriller Live»), Herausgeber des «Off The Wall» Fanmagazines, wurde von Michael Jackson im Record One Studio empfangen. Adrian Grant wollte Michael den «OTW Appreciation Award» überreichen – ein riesiges Ölgemälde.

  

Adrian Grant beschreibt Michael danach als «wirklich netten Menschen. Sehr kreativ, sehr freundlich und einfach, sich mit ihm zu verstehen.» Überraschend habe Michael spontan zugesagt, sich für das Cover der nächsten Ausgabe vom «Off The Wall» Magazin ablichten zu lassen. Sein Vertrauensfotograf Sam Emerson machte die Bilder.

In Michaels Büroraum fielen Adrian Grant an einer Wand aufgehängte Bilder von Fans und etwa ein Dutzend Evian-Wasserflaschen auf einem Tisch auf. «Woran arbeitest du Michael?», wollte Grant wissen. «Nun, ich habe sieben neue Songs aufgenommen, aber ich bin mir noch nicht sicher, ob ich ein Greatest Hits Album oder ein neues Album herausgeben werde, es kommt darauf an, wie ich mich fühle.»

Adrian Grant fragte, ob er neue Musik hören könne, da er einen Artikel über die neue LP für die Fans schreiben wolle. Sofort hätte Michaels Publizist Bob Jones von MJJ Productions abgewunken, niemand habe bisher einen neuen Song gehört. Doch Michael erwiderte: «Es ist Okay, Bob, ich werde ihm einen Song vorspielen…»

«Michael hat sich noch nie so gut angehört!»

«Er sass vor der Konsole und spielte an einigen Knöpfen, als ein Beat mit gewaltigem Bass aus den Lautsprechern erklang. Jeder wurde sofort von dem Groove gepackt, bewegte die Füsse, nickte mit dem Kopf.» Alle seien sich sicher gewesen, dass dies ein weiterer Charts-Hit werde. «Ich war besonders vom Gesang beeindruckt. Michael hat sich noch nie so gut angehört – es war wunderschön, eine Art schnelle Version von ‚The Man‘ und der Song war mit ‚Men In Black‘ betitelt.»

Als würde der wahr gewordene Traum kein Ende nehmen, wurde Adrian Grant für am Samstag auf die Neverland-Ranch eingeladen, wohin Michael jeweils über das Wochenende zurückkehrte. Dies, nachdem Adrian Grant bereits zwei Stunden im Studio verbringen konnte. Obwohl Adrian Grant so seinen teuren Rückflug nach London verstreichen lassen musste, liess er sich DIESE Gelegenheit natürlich nicht entgehen. (15)

Es war der Beginn einer freundschaftlichen Bekanntschaft und diverse weitere Einladungen folgten. Im Jahr 2001 tauchte Michael Jackson sogar als Ehrengast bei Adrian Grants 10. «Michael Jackson Day» in London auf. Adrian Grants Musical «Thriller Live» feierte im Jahr 2006 Premiere und ist auch heute noch, über zehn Jahre später, in Europa zu sehen.

Über 60 Songs

Die «Dangerous»-Sessions waren im vollen Gang. Wie weiter oben berichtet, war wohl seit Juni 1990 klar, dass ein Album mit ausschliesslich neuen Songs entstehen soll. Michael und seine Teams hatten ständig neue Ideen. Bis 1991 wurden um die 60 Songs aufgenommen. Die Kosten: angeblich 10 Millionen Dollar.

Im zweiten Teil dieses Artikels beleuchten wir die Co-Produzenten und lassen sie von ihren Erlebnissen erzählen. (in Arbeit…)

Quellen:
1 Michael speaks to Ebony Magazine, Mai 1992, Africa
2 „Audio Interview“ 1995
3 For The Record (Chris Cadmann, Craig Halstead)
4 Xscape Origins (Damien Shields) / Billboard Magazine – Bringing Michael Back. The Inside Story Of Jacksons New Album
5 „Michael Jackson: The Making of The King of Pop“, Rolling Stone, 9. Januar 1992
6 Forumsdiskussion auf gearslutz.com zwischen Juni 2009 bis Oktober 2011
7 Crystal Cartier court hearing, Februar 1992 in Colorado
8 Planet Jackson („Black + White“)
9 „It’s Goodby Quincy, Hello ‚Bartman‘ for Jackson“, LA Times, 31. März 1991
10 Abbey Road Institute Interview mit Bryan Loren, September 2016
11 „In The Studio with Michael Jackson“ Seminare von Brad Sundberg (London 25. Oktober 2014, Stommeln 26./27. Juni 2015, Berlin 21./22. Oktober 2016)
12 Black + White Magazine Interview mit Brad Buxer, 2009
13 Mexico Deposition November 1993, Reynaud Jones and Robert Smith Copyright infringement trial
14 At Large with Geraldo Rivera, Michael Jackson Interview 2005
15 Michael Jackson Off The Wall Magazine, Adrian Grant
16 Earth Song: Inside Michael Jackson’s Magnum Opus (Joe Vogel)
17 MJJ Community – Exclusive Q and A with Brad Sundberg
18 „A Jackson Family Celebration – Victory Tour Chicago 1984“
19 „Full Interview with longtime Michael Jackson collaborator and friend Mat Forger“, makingmichael.co.uk
The Genius of Michael Jackson (Steve Knopper)
Dancing The Dream (Michael Jackson)
The Maestro (Chris Cadman)
div.

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